Dienstag, 1. Juli 2008
weit oben
Die Kabine ist ein einziges Zeitungsdauerknistern. Draußen rast im Scheinwerferlicht ein Hase quer über die Rollbahn, während wir auf den Start warten. Als wir abheben, versuche ich wie immer erfolglos, den Moment zu erwischen, an dem der Maßstab wechselt. Wo aus Straßen und Gebäuden plötzlich nur noch Netze werden, wie von Blutgefäßen durchzogene Organe.

Wir steigen höher und irgendwann stehen oben die Sterne und unten ziehen Städte wie kleine Galaxien vorbei, manchmal unendlich scharf und detailreich, manchmal von kleinen Wolken in rötliche Nebel gehüllt, und ich denke mir, die Menschen dort unten in ihrer Galaxie könnten jetzt nicht weiter entfernt sein.

Random town at night, von tripu
Wir erreichen irgendwann die Küstenlinie des Mittelmeers, an der wir uns den Rest des Flugs entlang hangeln, ich tippe auf Ligurien. Ich verscheuche eine Fliege von meinem Unterarm, vielleicht die einzige Münchner Fliege, die jemals an die Costa Brava fliegen wird. Wenn sie heute nicht schon irgendwo anders zugestiegen ist. Und ich kann mich an all der Landschaft da unten nicht satt sehen. Komme mir unglaublich groß vor, weil dort unten alles so klein ist, dabei sitze ich auch nur in einer winzigen Stahlzigarre, die von ein paar Kubikmetern Kerosin mit knapp 900 Kilometern in der Stunde über Europa geschleudert wird.

Die Faszination für dieses Surreale, mit der ich immer noch bei jedem Flug wie ein kleines Kind am Fenster hänge. Ganz wie vor ein paar Jahren, als ich in Grönland war. Irgendwie zumindest war ich schon mal dort, als in der Nacht die Wolkendecke unter uns plötzlich aufriss und im Mondlicht seine schneeweißen Berge und Buchten entlangzogen.

Unwirklich und erhaben.

[giardino, 01:03] Permalink (11 Kommentare) 438



Montag, 23. Juni 2008
Zehn hoch fünf
84000 Kilometer in viereinhalb Jahren. Ein Urlaub in Italien, einer in der Bretagne, ein paar Fahrten nach Duisburg zu den Eltern, viele Kleinfahrten z. B. in die Arbeit, aber vor allem an die 50000 Kilometer immer nur auf derselben Strecke: 120 Kilometer zwischen Erlangen und Niederbayern, meist viermal an einem Samstag (alleine runter, mit Kindern hoch, mit Kindern runter, alleine hoch), macht etwa 100 mal A3/A9 rauf und runter im Jahr. Der Grund, warum ich dieses Auto überhaupt brauchte, als meine Exfrau weggezogen war. Oft Stress und zähfließender Urlauberverkehr um mich herum, aber immer wieder auch Zeit, beim Alleinefahren neue CDs anzuhören oder auf der rechten Spur mit 100 vor mich hin zu träumen (und später über die 5,2 Liter Benzinverbrauch zu freuen). Ich bin mit meinem Corsa immer gerne gefahren.
Ein paar Kilometer werden vielleicht noch dazukommen, dann wird er verkauft, das Möwenauto auch (ähnlich alt und auch schon auf 100000), und es gibt nurmehr ein einziges gemeinsames Fahrzeug und somit für mich einen Grund mehr, am Ort nur noch Fahrrad oder Bus zu nehmen und das Auto ansonsten der Möwe zu überlassen, die es dringender braucht. Und klar: Die Fahrten zu den Kindern, die werden bleiben.

[giardino, 18:35] Permalink (13 Kommentare) 488