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Freitag, 28. November 2008
Züge und Lebern
Manche Dinge nimmt man ja einfach hin, hält sie für grundsätzlich, für überall gültige Naturgesetze. Bis jemand von außen drauf schaut und sich wundert. Oder zweifeln Sie daran, dass ein kalter Luftzug an Stirn und Nacken tödliche Erkältungen hervorruft? Ich jedenfalls nicht. Dass er das offenbar nur bei Deutschen tut, ist allerdings schon hinterhältig von ihm, dem Zug (die Alliierten hätten ihn damals vielleicht zu Kriegszwecken einsetzen sollen). Und damit man überhaupt erfährt, dass es sich um ein volksspezifisches Krankheitsbild handelt, muss erst ein Amerikaner kommen.
Dann fährt man in ein anderes Land, lernt die Leute kennen, verbringt einige Sommer bei ihnen und wundert sich selbst: »Ho mal di fegato!« — wie, Leberschmerzen? Weil du gerade einen Berg Wurst gegessen hast? Ich dachte bislang, die Leber schmerzt höchstens Boxern und Trinkern. Ein anderes Mal geht es vielleicht um Fast-Food und jemand sagt »ti rovina il fegato«, dass das Zeug die Leber ruiniere. Und so häuft sich das, bis man begreift: Was der deutsche Nacken im Luftzug, ist die italienische Leber im Kampf gegen deftiges Essen: Eine kulturspezifische Vorstellung, wie der Körper funktioniert und was ihm nicht gut tut.
Ich finde das spannend. Kennen Sie mehr solche Beispiele?
Dann fährt man in ein anderes Land, lernt die Leute kennen, verbringt einige Sommer bei ihnen und wundert sich selbst: »Ho mal di fegato!« — wie, Leberschmerzen? Weil du gerade einen Berg Wurst gegessen hast? Ich dachte bislang, die Leber schmerzt höchstens Boxern und Trinkern. Ein anderes Mal geht es vielleicht um Fast-Food und jemand sagt »ti rovina il fegato«, dass das Zeug die Leber ruiniere. Und so häuft sich das, bis man begreift: Was der deutsche Nacken im Luftzug, ist die italienische Leber im Kampf gegen deftiges Essen: Eine kulturspezifische Vorstellung, wie der Körper funktioniert und was ihm nicht gut tut.
Ich finde das spannend. Kennen Sie mehr solche Beispiele?
[giardino, 00:18] Permalink (14 Kommentare) 1623
Mittwoch, 26. November 2008
Wenn Sie mich fragen, ob ich mich für einen guten Menschen halte, sage ich: Nein, zum Glück nicht. Ich habe oft das Falsche getan und weiß es auch. An meinem Schreibtisch habe ich schlechte oder ungerechte Artikel geschrieben, in meinem Privatleben habe ich andere verletzt. Aber ich beobachte ständig, dass kaum etwas die Menschen so aggressiv macht wie das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, im Recht zu sein, Opfer zu sein, für das Gute zu kämpfen. Alle großen politischen Verbrechen werden in dem Glauben begangen, dass dadurch die Welt besser würde. Damit tröste ich mich über meine eigene Unvollkommenheit und über die Unvollkommenheit der Welt hinweg, in dem doppelt angenehmen Wissen, dass ich es mir einfach mache, zu einfach vielleicht, aber dass ich wahrscheinlich nie ein wirklich großes Verbrechen begehen werde.
[Harald Martenstein]
[giardino, 10:38] Permalink (0 Kommentare) 382
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