Sonntag, 9. August 2009
Seelenschrauben
»Die Sehne ist immer stärker als der Knochen«, erklärt der Chirurg seinem Assistenten am Monitor mit der Röntgenaufnahme meines Fußes, »sie hat ihn daher beim Umknicken an der Basis zerrissen.« Es ist so einfach: Sie machen einen kleinen Schnitt an der Seite, drehen eine Schraube hinein und pressen damit die Fragmente so weit aneinander, dass sie wieder vollständig zusammenwachsen können. Wenn sie es nicht täten, erklärt mir der Arzt, wenn sie den Fuß nur in Gips einschlössen, würde der ständige Zug der Sehne dafür sorgen, dass der Knochen nicht verheilt, sondern eine Pseudarthrose entsteht, die dauerhaft Schmerzen verursacht.
vorher — nachher
Ich stelle mir vor, so etwas müsste es für die Seele geben. Der Arzt durchleuchtet dich, wirft einen Blick auf die deutlich sichtbare Zerrissenheit, murmelt »die Sehnsucht ist immer stärker als die Seele« und beschließt, die Fragmente unter teilweiser Betäubung mit einer Seelenschraube zu fixieren, damit sie wieder zusammenwachsen können, du dich irgendwann wieder geschmeidig bewegen kannst, der Schmerz irgendwann aufhört.

[giardino, 15:15] Permalink (18 Kommentare) 1172



Montag, 3. August 2009
Umgeknickt

Gips doch gar nicht
Einmal auf einem Parkplatz schief auf eine schlecht geteerte Stelle getreten, und zack! Gips, Krücken, demnächst OP, sechs Wochen arbeitsunfähig. Da habe ich selbst gestaunt.

Ich hätte das amerikanische Hotel natürlich auf eine Fantastillion Schadensersatz verklagen können. Wenn ich der Typ dafür wäre. Aber ich möchte lieber an bestimmte unübertragbare Risiken im Leben glauben und nicht, dass es für alles einen Schuldigen geben muss. Also einen fremden Schuldigen. Weil sonst irgendwann niemand mehr niemandem hilft, etwas erlaubt oder anbietet, aus Angst, er könne im Problemfall dafür ruiniert werden.

Ich glaube lieber daran, dass es seinen Sinn mit dieser Verletzung hat. Dass sie womöglich zum richtigen Zeitpunkt passiert. Ich habe mich seitdem eigenartigerweise in jedem Moment geborgen und aufgehoben gefühlt, trotz Schmerzen, anstehender Operation und der Aussicht, die nächsten sechs Wochen nicht normal aufs Klo gehen oder auch nur eine Tasse Kaffee von der Küche ins Wohnzimmer tragen zu können. Nicht nur, weil sich auf der Reise meine Kollegen und jetzt die Möwe liebevoll um mich kümmern.

Okay, mir täglich eine bestimmt 12 mm lange Thrombosespritzenkanüle in Bauch oder Oberschenkel drücken zu müssen ist grauenhaft. Und Duschen vermisse ich jetzt schon. Aber irgendwie spüre ich, dass die Dinge gerade so sind, wie sie sein müssen. Dass alles gut wird. Ich weiß noch nicht wie, aber manchmal ist es womöglich ein gebrochener Fuß, der einen weiter bringt.

[giardino, 22:30] Permalink (37 Kommentare) 9392