Donnerstag, 10. September 2009
Carpaccio mit Kraut
amtlich
Seit heute, etwa zwei Monate nach ihrem Antrag, einem Stapel von Dokumenten und Unterschriften sowie einem feierlichen mündlichen Schwur (und 255 Euro, nicht zu vergessen), ist meine Möwe offiziell Bürgerin dieses Landes. Und dass sie jetzt offiziell beides ist, Deutsche und Italienerin, spiegelt eigentlich nur wider, wie sie sich als in Deutschland aufgewachsenes Kind einer italienischen Familie seit langem fühlt. Nur durch Zufall hatten wir vor kurzem in einem Gespräch während einer Grillparty erfahren, dass es diesen Weg für EU-Bürger seit 2005 überhaupt gibt, nämlich Deutsche/r zu werden, ohne dass die deutschen Behörden verlangen würden die ursprüngliche Staatsbürgerschaft abzulegen. Sonst hätte sie diesen Schritt nie unternommen.

Ich freue mich jedenfalls, und das nicht nur, weil die einen oder anderen Vorgänge mit Adress- und Identitätsnachweisen einfacher geworden sind, oder meine Möwe endlich auch an Wahlen wie der vom 27. September teilhaben kann. Sondern weil es vor allem wahrhaftiger ist. Und dieser neue, komisch scharfe Ton ihrer Stimme geht doch sicher wieder weg, oder?

[giardino, 16:45] Permalink (8 Kommentare) 477



Montag, 7. September 2009
Liebe Frauen in Sozialberufen,
— entschuldigt, dass ich euch so anspreche, es kann sein, dass das Folgende auch auf Männer in Sozialberufen zutrifft, aber dazu kenne ich zuwenige — wie kommt es, dass ihr das mitmacht? Ihr lasst euch Vollzeitstellen mit halber Bezahlung andrehen, weil »der Laden ja sonst in Chaos ausbricht«, Sozialpädagoginnen (Hochschulstudium) lassen sich wie Erzieherinnen (3jährige Ausbildung) bezahlen, Erzieherinnen wie Kinderpflegerinnen (1-2jährige Ausbildung), ihr lasst euch auf umfangreiche Leitungsjobs mit 10-Stunden-Verträgen ein, gerne auch mal auf neun Monate befristet, auf 24h-Dienste oder weitgehend unbezahlte Stunden des Rumfahrens zwischen Klienten in ländlichen Gebieten, ihr akzeptiert Vollzeitstellen für 1800 brutto, ihr habt keine Ahnung von Tarifsystemen und wisst nicht nur nach dem Vorstellungsgespräch nicht, wieviel ihr verdienen werdet, sondern nicht einmal wenn ihr schon angefangen habt zu arbeiten. Weil es ja peinlich ist zu fragen. Weil man die Arbeit ja schließlich gerne machen will, wie sieht es denn da aus, nach Geld zu fragen. Und die euch einstellen, die Armen können ja schließlich auch nichts für die Vertragsmodalitäten und die Bezahlung, weil das ja von oben vorgegeben ist, vom Träger, der Schulbehörde, der Klinik oder großen Schulungsfirma.

Und so lange ihr nicht nachfragt, alles mitmacht, euch auch als Mittedreißigjährige noch wie 20jährige Berufsanfängerinnen behandeln und bezahlen lasst oder wie gut abgesicherte Gattinnen von Gutverdienern, die halt noch »was Soziales« für ihre Selbstverwirklichung tun müssen, so lange ihr so tut, als seien Entlohnung und Arbeitsbedingungen doch nebensächlich, so lange ihr nur mit Menschen arbeiten dürft, so lange werden sie euch verarschen und verarschen und verarschen.

[giardino, 11:11] Permalink (30 Kommentare) 1128