Samstag, 31. Juli 2010
Geschlagen
Der Unterhaltsprozess war am Donnerstag, ziemlich genau ein halbes Jahr nach dem ersten Anwaltsbrief, mit dem der Ärger losging. Es wurde ein Vergleich geschlossen, nachdem ich die nächsten viereinhalb Jahre zusätzlich zum (unstrittigen und nicht gerade geringen) Kindesunterhalt dann doch auch noch Gattenunterhalt zu zahlen habe, der gestaffelt abnimmt, bis meine Kinder 15 und 17 sind.

Da diese Lösung grundsätzlich vom Richter vorgeschlagen wurde, hatte ich wenig Hoffnung, durch einen Urteilsspruch (statt Vergleich) ein besseres Ergebnis erzielen zu können, und der dann anschließende Gang in die höhere Instanz hätte den Ärger auf Jahre hinaus verlängert, um am Ende vielleicht einen Hunderter im Monat weniger zahlen zu müssen.

Aber ich fühle mich dennoch geschlagen und zutiefst verletzt. Dass sie mit ihrem Krankenschwester-Halbtagsjob jetzt über 3000 Euro monatlich zur Verfügung hat, wo mir trotz Vollzeit und super Bezahlung nur ein Bruchteil davon bleibt, dazu ein eigenes Einfamilienhaus mit Garten, während wir sogar als Doppelverdiener unseren Traum, zumindest irgendwo weit draußen von Erlangen jemals ein eigenes Häuschen zu haben, womöglich jetzt begraben müssen, das kann mir keiner sagen, dass das gerecht ist.

Die neue Rechtssprechung des BGH, wonach regulär erst einmal Vollzeit verlangt wird, wenn das jüngste Kind drei Jahre ist, ist selbst für meinen Geschmack reichlich hart. Aber 15 Jahre? Im Gegenzug bei der Berechnung des Betrags wurde dann alles super genau und auf 10 Euro korrekt berücksichtigt. Das passt doch nicht zusammen.

Aber am meisten verletzt mich, dass sie letztlich durchgekommen ist. Dass meine Gutmütigkeit und die Bereitschaft, auf rechtliche Schritte meinerseits zugunsten eines friedlichen Verhältnisses zu verzichten, nicht nur über Jahre schamlos ausgenutzt wurden, sondern mir jetzt auch gerichtlicherseits zum Vorwurf gemacht wurde, ich hätte mich ja wehren können. Dass ich ihren Lebensentwurf Hausfrau+Kinder+Haus und ihre überzogenen Vorstellungen von Lebensstandard auch noch bis zu 13 Jahre nach der Trennung mit meiner Unterstützung erheblich finanzieren darf (wie gesagt, über den ohnehin guten Kindesunterhalt hinaus). Und dass sie sich gegenüber den Kindern jetzt noch mehr mit materiellen Wohltaten groß tun kann (die ich zur Hälfte bezahle), während sie ihren Vater als Geizkragen hinstellen kann, der sich z. B. noch nicht mal an ihren Fahrrädern beteiligen würde.

Nein, das einzig Gute an dem Vergleich ist, dass das Thema jetzt unabänderbar abgehakt wurde, d.h. über Ehegattenunterhalt werden wir nie mehr streiten. Und abhaken muss ich jetzt, mich auf Distanz bringen.

Ich weiß, dass ihr die ganze Zeit Anteil genommen habt und danke euch dafür. Ich bin völlig erschöpft und mag nicht länger über das Thema reden oder mich mit Ratschlägen auseinandersetzen, daher bleiben die Kommentare geschlossen. Ihr versteht das.

[giardino, 08:49] Permalink 790



Mittwoch, 28. Juli 2010
Duisburg
Mein Gott, wie furchtbar. #loveparade

Aber was will man von einer Stadt erwarten, die ihren Minderwertigkeitskomplex regelmäßig durch Größenwahn ausgleichen muss. #hass #duisburg
Das war meine erste Reaktion auf Twitter, als ich dort am Samstagnachmittag von der Katastrophe bei der Loveparade las. Und auch meine letzten Tweets zum Thema, weil ich in dem folgenden Durcheinander von Links auf Augenzeugenvideos, Presseberichte, Blogartikel und dem gegenseitigen Runtermachen aller, die anders als man selbst auf das Ereignis reagierten, lieber stumm geblieben bin. Und auch lieber bleibe, weil es über Banalitäten hinaus nur wenig gibt, das man auf das Grauen antworten kann, das an dieser Rampe geschehen ist. Ich wünsche denen, die dort waren oder Menschen dort verloren haben, allen erdenklichen Trost.

Aber diese Stadt, sie macht mich maßlos wütend. Diese verdammte Stadt mit ihrem verdammten Minderwertigkeitskomplex. Der seit Jahrzehnten verhindert, dass man Leute an ihre Spitze wählt, die auch Probleme ansprechen dürfen. Der seit Jahrzehnten verhindert, dass Leute mit Augenmaß ans Ruder kommen, die ein Gespür dafür haben, was die Stadt ist und was nicht, wohin sie sich entwickeln kann. Der seit Jahrzehnten jeden Größenwahn beflügelt, wenn nur irgendwer kommt und den Duisburgern das Gefühl gibt, ihre Stadt könnte mit diesem oder jenem überregional Eindruck machen, groß rauskommen.

Für mich unmittelbar sichtbar ging es los in den 80ern, als man beschloss, die Straßenbahn zu verbuddeln. Kaum zwei Kilometer unterirdische Strecke, und zwar unter der Königstraße, einer der breitesten Hauptstraßen die ich in Deutschland kenne und die schon weitgehend Fußgängerzone (!) war. Dort, wo der Straßenverkehr wieder beginnt, kommt die Bahn konsequenterweise wieder zum Vorschein. Fast ein Jahrzehnt lang wurden so sinnlos Abermillionen verbaut, währenddessen Häuser Risse bekamen, die Mieten nichtsdestoweniger stiegen und durch die Dauerbaustelle nicht wenige Traditionsgeschäfte letztlich schließen mussten. Dafür reihen sich dort heute Handyladen an 1-Euro-Laden an Kettenfiliale wie anderswo nur in prekären Randlagen. Aber Hauptsache Duisburg hat eine U-Bahn, so wie die großen Städte.

Dann das Einkaufspassagenroulette. Erst baute man Anfang der 80er das Averdunkcenter. Irgendwann ließen Ladenniveau und Charme zu wünschen übrig. Dann baute man einen Kilometer weiter am anderen Ende der Königstraße eine weitere Passage, die Galeria, mit dem Effekt, dass das Averdunkcenter endgültig den Bach runter ging.

Als nächstes wurde die — sicher sanierungsbedürftige, aber architektonisch schöne — Mercatorhalle als Mehrzweck- Konzert- und Veranstaltungshalle dem Boden gleichgemacht und an der Stelle ein furchtbares Gebäude hingestellt. Es enthält irgendwo im Innern wieder eine "Mercatorhalle", aber jetzt vor allem auch ein Automatencasino. Ein Daddelcasino für Auswärtige mit Geld, das modernste Deutschlands, mitten in Duisburg. Dazu gehört mit dem sogenannten CityPalais eine, natürlich, Einkaufspassage.

Doch der Größenwahn ging weiter, man wollte (auf dem Gelände, das jetzt zu trauriger Berühmtheit gelangt ist) das Multicasa bauen, eine Einkaufsstadt in der Stadt, das bis dahin größte Einkaufszentrum ganz Deutschlands mit knapp der Ladenfläche aller Geschäfte der Stadtmitte zusammen. Und, das ist kein Scherz, für die Überbrückung der Entfernung zum Rest der Innenstadt wurde überlegt, eine Seilbahn zu bauen.

Gottseidank schrak man letztlich vor diesem Monster zurück, aber man baute stattdessen das Forum, ein immer noch gigantisches Zentrum an der Königstraße, zusammen mit den Nachbarstädten immer im Glauben, dass Kaufkraft sich vermehre, wenn man nur noch mehr Verkaufsfläche anbiete. Unterdessen geht die Passage Galeria erwartbar den Bach runter, weitere frühere Einkaufsstraßen im Zentrum verwahrlosen.

Hab ich was vergessen? Ach ja, das Musical »Les Miserables« für das man ein eigenes Theater baute, weil man dachte, Bochum mit »Starlight Express« — Mensch, sowas können wir auch! Längst pleite gegangen. Oder aktuell die Idee, sich von einem Konsortium einen kompletten Stadtteil im Südosten bauen zu lassen, wo ein anderes riesiges Güterbahnhofgelände brach liegt. Oder wie lange die Stadtoberen jahrelang im Klüngel mit den Stahlkonzernen verhindert hatten, dass sich neue Industrie und Firmen ansiedeln können, um dann später stolz jede Mini-Hightechfirma mit 20 Akademikern, die irgendwie den Weg nach Duisburg gefunden hatten, als Beweis für die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu feiern, während allein in Rheinhausen Tausende Arbeiter von Krupp entlassen wurden.

Ich glaube, das einzige einigermaßen nachhaltig gelungene stadtplanerische Projekt der letzten Jahre war der Innenhafenausbau. Wobei auch der am weitaus größten Teil der Stadtbevölkerung vorbeiging. Aber dafür hat »der Stararchitekt Sir Norman Foster« ihn entworfen. Für Duisburg! Ist das eine Weltstadt, was?

Ich bin so wütend auf diese Stadt, auch noch 19 Jahre, nachdem ich ihr den Rücken gekehrt habe. Dass jetzt jeder offen wahrnimmt, wie krank ihre Großsucht war, ist keine Genugtuung, denn 20 Menschen sind tot, Hunderte verletzt und traumatisiert. Ich kann nur hoffen, dass die Duisburger begreifen, dass der erbärmliche so starrsinnig agierende Oberbürgermeister nicht ohne Grund ihr Stadtoberhaupt wurde, sondern weil er ihnen das erzählt hat, was sie hören wollten. Und dass sie sich darauf besinnen, dass in Duisburg jenseits von Konsumtempeln, Stararchitekten und Mega-Events etwas anderes steckt, worauf sie stolz sein und einen Ruf bauen können. Etwas viel Bescheideneres und Bodenständigeres, das mit Freundlichkeit zu tun hat, mit Kreativität, friedlichem Miteinander und damit, sich auch in schwierigen Verhältnissen nicht unterkriegen zu lassen.

[giardino, 01:11] Permalink (21 Kommentare) 3236