Mittwoch, 10. November 2010
K's Choice
Wenn sich eine deiner Lieblingsbands auf dem Höhepunkt des Erfolgs trennt, dann ist das schon schade. Andererseits müssten sie mit ihrem Comeback jetzt nicht wieder kleiner anfangen, und dann hätte es ein so intimes Konzert mit nicht einmal 200 treuen Fans im Erlanger E-Werk vielleicht nicht gegeben.

Über zwei Stunden in Sarahs Samtstimme gebadet, mitgesungen und nach Herzenslust fotografiert, glücklich.

[giardino, 23:09] Permalink (1 Kommentar) 533



Montag, 1. November 2010
Immer noch unentschieden, ob ich die nahezu öffentliche Art, wie unser indischer Abteilungsleiter mit dem Tod seiner Mutter umgegangen ist, gut oder unangemessen finden soll. Seit sie vor wenigen Wochen schwer krank wurde, hielt er die Abteilung alle paar Tage per Mail über ihren Zustand auf dem Laufenden, auch von Indien aus, wo er eine Woche an ihrem Krankenbett wachte, bevor er von seinem Bruder, der auch von irgendwo auf der Welt anreiste, abgelöst wurde. Und schließlich über ihren Tod, dessen Nachricht ihn letzte Woche erreichte und von dem er uns in einer längeren Mail berichtete, ganz so als gehörten wir zu seiner erweiterten Familie.

Das sind eine Menge Details aus dem Privatleben, wie man sie in einer deutschen Firma von einem Kollegen oder Vorgesetzten selten jemals erfährt, und wenn überhaupt, dann im persönlichen Gespräch und nicht aus Mails an die gesamte Abteilung. Entsprechend war ich von diesem Umgang auch peinlich berührt. Mehr noch als ohnehin schon, wenn er in unseren montäglichen Abteilungsrunden Familienfotos zeigte und uns aufforderte, ebenso zu erzählen, wie wir unser Wochenende verbracht hatten. Das war nicht nur ärgerlich, weil diese Runde früher begann als ich Montag morgens gerne erst in die Arbeit gegangen wäre und sie dann teilweise mit diesem — in Arbeitsdingen — belanglosem Geplauder vergeudet wurde, sondern auch peinlich, denn: Was, wenn jemand sein Wochenende sagen wir mal heulend im Bett verbracht hatte? Was sollte der oder die denn dann erzählen, nachdem ein Kollege gerade Bilder vom Snowboarden gezeigt und der andere vom geselligen Familientreffen erzählt hatte? Und was ging es die anderen an? Bürogemeinschaften sind Zwangs- und Zweckgemeinschaften, sie werden bei allem menschlichen Umgang miteinander keine Familien oder Freundschaften werden. Erst recht nicht, wenn manche die Vorgesetzten von anderen sind, die im Zweifelsfall auch mal rügen oder versetzen müssen. Da vermischt sich irgendetwas, was nach meinem Gefühl getrennt bleiben sollte.

Andererseits. Mein Verhältnis zu ihm ist einen Tick vertrauensvoller geworden, seit ich ihm auf seine Mails mit guten Wünschen und dem Versuch tröstlicher Worte geantwortet hatte, einmal bevor er nach Indien flog und dann auf die Todesnachricht. Und wer ihm begegnete, schüttelte die Hand und wünschte ihm Gutes, und die Male, die ich dabei war, wirkte das ehrlich und nicht geheuchelt. Es tat ihm sichtlich gut, auf diese Weise unterstützt und getragen zu werden. Und so frage ich mich, ob nicht auch eine Stärke darin liegt, offensiv mit seiner Trauer umzugehen. Mag sein, dass es in unserer Kultur nicht immer funktioniert und man auch eine menschlich intakte Umgebung dazu braucht, die an der Arbeitsstelle nicht eben selbstverständlich ist, aber vielleicht steckt etwas Nachahmenswertes darin: eine private Belastung nicht vor den anderen zu verschweigen, mit denen man immerhin den größten Teil seines Tages verbringt, sondern implizit um Verständnis zu bitten und, nicht zu vernachlässigen, die folgende Unterstützung auch annehmen zu können.

[giardino, 10:46] Permalink (13 Kommentare) 904