Sonntag, 16. September 2012
Chicago.


Wo sind jetzt die vergangenen sieben Wochen seit dem letzten Eintrag geblieben?

Die Arbeit hat sie gefressen. Und in meiner Erinnerung ist darüber hinaus nicht viel hängen geblieben. Eine Woche flog vorbei wie die nächste, und an den Wochenenden war auch immer so viel los, dass ich nie genügend Muße verspürte, auch noch irgendetwas in dieses Blog zu kleben. Entschuldigung.

Aber eines blieb mir im Gedächtnis, das waren fünf Tage USA auf Kundenbesuch. Nach Chicago geflogen, mit schwedischem Kollegen (der in Pennsylvania arbeitet) am Flughafen getroffen und zusammen dann 500 Kilometer gen Westen mit dem Auto gefahren, zunächst durchs nordwestliche Illinois, landschaftlich wunderbar und abwechslungsreich (bis auf die Äcker, die nur Mais und Soja tragen) und durch Bilderbuchstädtchen hindurch, die mit ihren Holzhäusern und -veranden, Football-Schulteams auf grünen Wiesen und schmucken Kirchlein so amerikanisch aussehen, als habe ein Fremdenverkehrsamt sie für europäische Touristen aufgestellt. Dann über den Mississippi, der an eine merkwürdige Sehnsucht rührt, sich einmal mit einem Boot auf ihm bis runter in den Golf von Mexiko treiben zu lassen, als wäre man in einem früheren Leben schon einmal hier gewesen. Und schließlich durch die erschreckende Agrarwüste Iowa, die von ihren sanften Hügeln zunächst an die Picardie erinnert, einen aber dann an den Rändern des Highways über hunderte Kilometer nichts als an Mais, Mais, Soja, Mais und wieder Mais vorbeifahren lässt (immer mit kleinen Saatgutschildern von Dupont, Monsanto & Co. ausgezeichnet), nur alle paar Kilometer kommen mal eine Farm oder ein paar Silos. Keine Fotos.

Im Hotel der Kleinstadt angekommen dann gegoogelt: Nur wenige Meilen nördlich, nur in der Gegenrichtung von Iowa nach Wisconsin führte der Weg des echten Alvin Straight mit seinem Aufsitzrasenmäher, wie er in The Straight Story verfilmt wurde. Im Hotel-Ordner eine Liste lokaler Religionsgemeinschaften:
In den folgenden beiden Tagen festgestellt, dass die Leute hier sehr freundlich sind, geradeaus und gutmütig und größtenteils sehr konservativ. Viele, die auf Farmen großgeworden sind, daher selbstverständlich mit Tieren und Waffen umgehen. Viele auch, die sich für ein paar Jahre in der Armee verpflichten und danach mit ganz guten Aussichten in die Wirtschaft wechseln. Überhaupt eine merkwürdige und recht lehrsame Konfrontation mit Menschen, die in ihren Überzeugungen so offensichtlich vielen meiner eigenen widersprechen und dabei (versucht zu sagen "trotzdem") so liebenswürdig sind.

Am Mittwoch dann Rückfahrt nach Chicago, das Hotel in Downtown, der Kunde nicht weit entfernt im Univiertel. Schon auf der Fahrt auf die Skyline zu und erst recht beim Abendspaziergang große Augen gemacht. Begeistert durch die Häuserschluchten und den Chicago River entlang gelaufen, ähnlich wie im November 2001, als ich zum allerersten mal in den USA war und durch Manhattan lief und diesen Superlativ von Stadt in mir aufsog. Und ich weiß nicht warum, aber irgendwie erschien mir Chicago freundlicher, sprach mich persönlicher an als New York. Und auch hier wieder dieses kurze Gefühl, schon mal da gewesen zu sein, eine alte, innere Heimat wiederzusehen. Merkwürdig. Es heißt, im Winter wäre der sprichwörtliche Wind Chicagos kalt und unerbittlich – das alleine hätte mich aber wohl schon davon abgehalten, hier tatsächlich einmal längere Zeit zu verbringen, denn bei kaltem Wind am Kopf bin ich eine Mimose.

Am Donnerstag einen erfolgreichen Tag beim Kunden verbracht und ihm dabei auf die Finger geschaut, wie er unser Produkt nutzt, am Freitagmorgen noch eine Schulung von Vertrieblern, dann nachmittags wieder ins Flugzeug zurück nach Deutschland. Fünf sehr intensive Tage, die meinen Horizont erweitert haben.

[giardino, 23:04] Permalink (4 Kommentare) 824



Dienstag, 24. Juli 2012
[Im Auto zurück vom Chor, es ist dunkel, Fenster unten, die abgekühlte Luft dringt herein, der Fahrtwind flattert, im CD-Spieler läuft Drive Darling, und rechts im hellen Dunst am Horizont begleitet mich die untergehende, gelbe Mondsichel, zwischen vorbeifliegenden Hochhäusern, Bäumen, Strommasten.]

[giardino, 00:29] Permalink (4 Kommentare) 496