Gute Nachrichten
... müssen auch mal sein, wo ich im Moment positiv gestimmt bin:
Auf die Frage, ob mit den Eltern sowohl türkisch als auch deutsch gesprochen werde, antworteten vor drei Jahren erst 55,7 Prozent mit Ja. 2007 waren es 62,4 Prozent. Gaben 2005 rund 57 Prozent an, neben türkischen auch deutsche Freunde haben zu wollen, waren es zwei Jahre später bereits 62,9 Prozent. Gleichzeitig sank im genannten Zeitraum die von den Befragten wahrgenommene Benachteiligung durch Deutsche im Alltag von 25,3 auf 21,1 Prozent. [q]
Irgendwie deckt es sich mit meiner Wahrnehmung, dass U-Bahn-Schlägereien und den anschließenden, schrillen Diskussionen zum Trotz seit Jahren zumindest im städtischen Umfeld eine stille Normalisierung stattfindet; die Selbstverständlichkeit zunimmt, mit der jugendliche Migranten auftreten, sich in Schul- und Berufsausbildung einfügen und generell als zu Deutschland gehörig fühlen. Was die andere Seite der Integrationsmedaille angeht, bin ich mir noch nicht so sicher, ob sich da gerade nur der, wie soll man sagen, »geographische Fokus« verschiebt, weg von Türkisch-, zum Beispiel hin zu Russisch- oder Afrikanischstämmigen, die von einer gefühlten Mehrheit als problematisch betrachtet würden, oder ob auch hier die generelle Akzeptanz, oder sollte man sagen: Normalität im Umgang steigt. Wünschen würde ich es mir.

Übrigens gibt es kaum ein Thema, das derart polarisiert. Ich selbst kann ja gar nicht anders, als immer alle möglichen Seiten sehen zu wollen. Dass Integration an vielen Stellen scheitert, ist Tatsache. Hier aber das Wirkgefüge (tolles Wort, wollte ich immer schon mal verwenden) zur Bestimmung des Schuldigen aufzutrennen, ist in meinen Augen sinnlos. Diskriminierende Behandlung seitens Behörden und Nicht-Migranten (wie sie trotz aller Fortschritte alltäglich ist) macht Integration schwer bis zunichte, ethnische Abschottung aber auch. Und beides verstärkt und bedingt sich gegenseitig. Henne oder Ei — wer da die Verantwortung stets auf einer der beiden Seiten sucht, wird zwar täglich in seiner Überzeugung bestätigt, aber nie ein vollständiges Konzept zur Integration entwickeln.

Leider fühle ich mich mit meinem sozusagen dritten Standpunkt in einer Minderheit. Was mich insofern beunruhigt, als dass die Protagonisten beider Lager sich merkwürdigerweise regelmäßig genauso als Minderheit betrachten und davon überzeugt sind, gegen eine blinde (im jeweiligen Fall wahlweise medienmäßig links oder dummvölkisch rechts beeinflusste) Übermacht zu kämpfen. Hm.

Aber ich wollte doch nicht problematisieren, sondern gute Nachrichten verkünden:
Der Freiburger Erzbischof und neugewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, spricht sich "gegen Denkverbote" beim Thema Zölibat aus. Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt der 69-Jährige, die Verbindung zwischen Priestertum und Ehelosigkeit sei "nicht theologisch notwendig". [q]
Nicht, dass ich auch nur einen Cent darauf wetten würde, in den nächsten fünfzig Jahren irgendeinen praktischen Fortschritt zu sehen. Aber: Sie bewegt sich. Doch.

[giardino, Dienstag, 19. Februar 2008, 00:40] 312



reyamm, Dienstag, 19. Februar 2008, 15:42   (Permalink )
Zur Kirche und zum Zölibat fällt mir nur ein Wort ein: Jössus.

gaborone, Dienstag, 19. Februar 2008, 16:15   (Permalink )
ich habe jahrelang einen kurdischen nachnamen getragen.
von der ständigen duzerei, und dem "ist dein vater oder deine mutter deutsche -du kannst ja richtig gut reden" habe ich erfahrungen gemacht,wie ein wallraf. meine mitbürger habe ich "richtig intensiv" kennengelernt. diese art behandlung erfuhren dann all die eltern der jugendlichen die heute so zerrissen sind. was in den 70-ern und 80-ern falsch lief ist eine der ursachen, schuldige zu suchen ist blödsinn.

giardino, Dienstag, 19. Februar 2008, 23:02   (Permalink )
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein weitgehend positives Menschenbild hätte, wäre ich ständig solchen Herabsetzungen ausgesetzt gewesen (ob gedankenlos oder gezielt).

mark793, Dienstag, 19. Februar 2008, 16:19   (Permalink )
Ich denke auch: So schlimm, wie es die Überfremdungs-Paranoiker hinstellen, steht es um unser Land bei weitem nicht. Und so problemlos, wie es die Multikulti-Idealisten sehen wollen, ist das Thema Integration leider auch nicht. Blöd ist nur, dass sich beide Positionen irgendwie gegenseitig so in Schach halten, dass keine Seite glaubt, sich bewegen zu können. Die Multikulti-Idealisten fürchten anscheinend nichts so sehr wie das Eingeständnis, das nicht alles zum Besten steht, weil das ja der Gegenseite Wasser auf die xenophoben Mühlen leiten könnte. Hier wie dort wird angstgetrieben argumentiert, das ist ja wohl zentraler Teil des Problems.

Aber dass wir mit einem gemäßigten Standpunkt in der Minderheit wären, glaube ich gar nicht mal. Da darf man nicht die veröffentlichten Meinungen mit den tatsächlichen Auffassungen repräsentativer Bevölkerungsmehrheiten verwechseln.

giardino, Dienstag, 19. Februar 2008, 23:08   (Permalink )
Das möchte ich gerne glauben. Und wie gesagt, mein Eindruck geht schon in die Richtung, dass Unaufgeregtheit und Normalität im gegenseitigen Umgang insgesamt wachsen.

gedankenmaler, Dienstag, 19. Februar 2008, 23:49   (Permalink )
Auch ich gehöre zu dieser Mittelposition. Überaus nerven tut es mich aber, dass man in solchen Diskussionen immer so verdammt aufpassen muss, was man sagt und wie man es sagt, wenn man mal über negative Erfahrungen mit "Ausländern" berichtet. Hier bin ich dann in einem anderen Sinne "angstgetrieben" bzw. angstgehemmt - und mache meinen Mund dann gar nicht auf. Ich vermute, dass dieser psychische Druck mehreren bekannt ist und dass dieser dann häufig auch zu einer Konterreaktion führt, also als Polarisationsfaktor wirkt.
Ich denke, es ist wichtig, dass sich die "Gastgeberbevölkerung" traut, sich selbst und seine Interessen voll zu bejahen und durchzusetzen - zumindest dann, wenn es dabei nur um das absolute Minimum im zwischenmenschlichen Umgang geht: nämlich die Forderung, Respekt entgegengebracht zu bekommen. Hier habe ich leider zum Teil eklatante Verstöße erleben dürfen.