Der Weggang als Vorwurf
Mein Noch-Chefchefchef, Vorgesetzter von etwa 300 Mitarbeitern (müssen Sie auch immer lachen, wenn in der Zeitung von diesen flachen Hierarchien zu lesen ist, die es jetzt überall geben soll?) hatte von meinem Weggang Wind bekommen und mich für heute morgen wortlos per Mail (»Betreff: Personalthema«) zu einer halben Stunde Gespräch eingeladen.
Und was für ein merkwürdiges Gespräch das war. Natürlich hatte ich mich ein wenig vorbereitet, um einerseits die überwiegend positiven Beweggründe für den Wechsel zu erklären, andererseits den mittlerweile doch enormen Frust mit der jetzigen Arbeit etwas strukturierter auf den Punkt bringen zu können. Irgendwie hatte ich dabei die naive Annahme, auf diese Weise vielleicht noch einmal Gehör zu finden, an welchen Stellen meiner Meinung nach ganz grundsätzlich etwas verbessert werden könnte, um das Projekt (und damit auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter) in bessere Bahnen zu lenken. Oft genug hatte ich es an anderen Stellen erfolglos versucht.
Nun, schon seine Eingangsfrage, warum ich denn jetzt gehen würde, klang weniger ehrlich interessiert als vorwurfsvoll, beinahe persönlich beleidigt. Ich legte meine Begeisterung für die neue Stelle dar, auch dass die Atmosphäre unter den jetzigen Kollegen unterm Strich immer prima gewesen sei. Als ich dann zu den Punkten kam, die die Arbeit unnötig mühsam und unbefriedigend machen, hörte er zwar weiter reserviert zu, aber nur um mir umgehend zu erklären, dass das nun mal so sei bei neuen Projekten, ich nicht glauben solle, irgendwo anders sei es besser und dass ich ja auch mal zu ihm hätte kommen können, wenn es etwas aus dem Weg zu räumen gegeben hätte.
Jenun, dachte ich. Der ganze Laden knirscht seit langem unter Projektkomplexität und mangelnder Strategie, die Leute sind entnervt, Meilensteine werden ein ums andere Mal verschoben, Feuerwehraktionen sind Dauerzustand — aber wenn ich nicht direkt zu ihm gehe (immerhin drei Ebenen über mir), muss ich alles richtig finden. Warum nimmt er das nicht einfach mit? Sind meine konkreten Beobachtungen weniger bedenkenswert, weil ich sie nicht schon vorher ihm gegenüber geäußert habe? So offen dürften seine direkt Untergebenen selten zu ihm sprechen, und er muss den allgemeinen Unmut doch auch irgendwie wahrnehmen. Und wenn ich die Dinge tatsächlich zu eng sehe, nur ein Nörgler wäre, unsere Kunden in Wirklichkeit zufrieden und er uns von seiner Warte aus auf dem richtigen Weg sieht: ist doch prima.
Was soll's, um mich geht es ja nicht mehr; ich bin losgeworden, was mir wichtig war. Meinetwegen ist alles eine tolle Herausforderung, die nur verlässt, der ohnehin nicht gut genug ist. Inzwischen glaube ich, auch der Weggang weiterer erfahrener Leute an schmerzhaft wichtigen Stellen wird ihn von dieser Haltung nicht abbringen, weswegen ich ihm am Schluss auch nicht mehr erzählt habe, dass ich schon drei von ihnen kenne.
Und was für ein merkwürdiges Gespräch das war. Natürlich hatte ich mich ein wenig vorbereitet, um einerseits die überwiegend positiven Beweggründe für den Wechsel zu erklären, andererseits den mittlerweile doch enormen Frust mit der jetzigen Arbeit etwas strukturierter auf den Punkt bringen zu können. Irgendwie hatte ich dabei die naive Annahme, auf diese Weise vielleicht noch einmal Gehör zu finden, an welchen Stellen meiner Meinung nach ganz grundsätzlich etwas verbessert werden könnte, um das Projekt (und damit auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter) in bessere Bahnen zu lenken. Oft genug hatte ich es an anderen Stellen erfolglos versucht.
Nun, schon seine Eingangsfrage, warum ich denn jetzt gehen würde, klang weniger ehrlich interessiert als vorwurfsvoll, beinahe persönlich beleidigt. Ich legte meine Begeisterung für die neue Stelle dar, auch dass die Atmosphäre unter den jetzigen Kollegen unterm Strich immer prima gewesen sei. Als ich dann zu den Punkten kam, die die Arbeit unnötig mühsam und unbefriedigend machen, hörte er zwar weiter reserviert zu, aber nur um mir umgehend zu erklären, dass das nun mal so sei bei neuen Projekten, ich nicht glauben solle, irgendwo anders sei es besser und dass ich ja auch mal zu ihm hätte kommen können, wenn es etwas aus dem Weg zu räumen gegeben hätte.
Jenun, dachte ich. Der ganze Laden knirscht seit langem unter Projektkomplexität und mangelnder Strategie, die Leute sind entnervt, Meilensteine werden ein ums andere Mal verschoben, Feuerwehraktionen sind Dauerzustand — aber wenn ich nicht direkt zu ihm gehe (immerhin drei Ebenen über mir), muss ich alles richtig finden. Warum nimmt er das nicht einfach mit? Sind meine konkreten Beobachtungen weniger bedenkenswert, weil ich sie nicht schon vorher ihm gegenüber geäußert habe? So offen dürften seine direkt Untergebenen selten zu ihm sprechen, und er muss den allgemeinen Unmut doch auch irgendwie wahrnehmen. Und wenn ich die Dinge tatsächlich zu eng sehe, nur ein Nörgler wäre, unsere Kunden in Wirklichkeit zufrieden und er uns von seiner Warte aus auf dem richtigen Weg sieht: ist doch prima.
Was soll's, um mich geht es ja nicht mehr; ich bin losgeworden, was mir wichtig war. Meinetwegen ist alles eine tolle Herausforderung, die nur verlässt, der ohnehin nicht gut genug ist. Inzwischen glaube ich, auch der Weggang weiterer erfahrener Leute an schmerzhaft wichtigen Stellen wird ihn von dieser Haltung nicht abbringen, weswegen ich ihm am Schluss auch nicht mehr erzählt habe, dass ich schon drei von ihnen kenne.
[giardino, Freitag, 22. Februar 2008, 18:40] 516
Es ist wohl auch eine gewisse Betriebsblindheit, die kein Auge mehr für die Atmosphäre weiter "unten" hat - und dann wohl auch die Zwänge und Vorgaben, die von noch weiter "oben" drücken. Einen wirklich guten Chef stellt man sich anders vor, aber was Sie beschreiben, habe ich selbst in ähnlicher Form erlebt. Vielleicht identifizieren auch Sie sich zu sehr mit der Firma oder den Projekten und bedauern den Verlauf und die Hemmschuhe bei diesen Dingen. Jetzt denke ich, Sie haben alles getan und gesagt, jetzt zählen die neuen Ufer, das persönliche Wachstum. Ich lerne ja ungeheuer gern, das ist so mein Antrieb (auch wenn mir ansonsten der Karriere-Ehrgeiz fehlt). Bislang waren meine Wechsel immer positiv.
Vielleicht identifizieren auch Sie sich zu sehr mit der Firma oder den Projekten und bedauern den Verlauf und die Hemmschuhe bei diesen Dingen.
Genau das habe ich in der letzten Zeit oft gedacht, wenn ich manchmal nach Stunden leidenschaftlichen Diskutierens da stand und dachte: Und was hat es jetzt gebracht, wozu die Energieverschwendung? Aber ich will mich identifizieren — ich kann mir nicht vorstellen, wie ich sonst etwas erreichen will, worauf ich zufrieden zurückblicken kann.
Und: Ja! Endlich mal wieder ins Wasser geworfen werden, Neues lernen. Die Freude darauf wächst.
Genau das habe ich in der letzten Zeit oft gedacht, wenn ich manchmal nach Stunden leidenschaftlichen Diskutierens da stand und dachte: Und was hat es jetzt gebracht, wozu die Energieverschwendung? Aber ich will mich identifizieren — ich kann mir nicht vorstellen, wie ich sonst etwas erreichen will, worauf ich zufrieden zurückblicken kann.
Und: Ja! Endlich mal wieder ins Wasser geworfen werden, Neues lernen. Die Freude darauf wächst.
Wenn man ein echtes Baby machen kann, ist das auch in Ordnung. Ansonsten muß man bei vielen Projekten aufpassen, nicht selbst darin verloren zu gehen. Firma dankt? Schön wär's. ;-)
Ich habe gelernt, mittlerweile, daß auch ich wichtig bin.
Ich habe gelernt, mittlerweile, daß auch ich wichtig bin.
Sie haben recht; ich merke auch, dass mir derzeit ein wenig gesunde Distanz abgeht.
Ab einer gewissen Hierarchieebene scheint Führungskräften vollkommen das Gefühl für die Angemessenheit einer Reaktion verloren zu gehen - es werden Verhaltensweise persönlich genommen, die schlichtweg nicht persönlich genommen werden können - weil es eben Entscheidungen für etwas Neues, für sich selbst, und gegen eine Position, eine Aufgabe sind - nicht gegen den Menschen, der sich Chef nennt.
Ich selbst habe auch schon die Erfahrung gemacht, mich offen mit meinen Beweggründen darzustellen und zu hoffen, dass meine Ehrlichkeit zumindest geschätzt wird, dass zumindest darüber nachgedacht wird, ob an meiner Meinung etwas dransein könnte. Ebenso Fehlanzeige wie bei Ihnen. Insofern: Meine Hochachtung zur reservierten Haltung der Chefhaltung gegenüber.
Ich arbeite noch dran.
Ich selbst habe auch schon die Erfahrung gemacht, mich offen mit meinen Beweggründen darzustellen und zu hoffen, dass meine Ehrlichkeit zumindest geschätzt wird, dass zumindest darüber nachgedacht wird, ob an meiner Meinung etwas dransein könnte. Ebenso Fehlanzeige wie bei Ihnen. Insofern: Meine Hochachtung zur reservierten Haltung der Chefhaltung gegenüber.
Ich arbeite noch dran.
Ich habe im Nachhinein den Verdacht, er kann es vielleicht nicht anders als persönlich nehmen, wenn er für sich aufrecht erhalten will, dass sein Laden keine echten Probleme hat. Reserviert ist meine Haltung auch nur deshalb, weil mir offensichtlich keine Steine in den Weg gelegt werden. Aus welchen Gründen man den Reisenden nicht aufhält, kann mir da ja egal sein. ;)
"Das ist nunmal so bei neuen Projekten'? Ge-nau. Und nichts anderes hätte er dir erwidert, wenn du tatsächlich 'mal zu ihm gekommen' wärst.
Es soll ja auch schon mal vorgekommen sein, dass sich an manchen Dingen und Abläufen etwas geändert hat. Alle reden zwar von Fortschritt, aber bei sich selbst oder in seinem Bereich will keiner damit anfangen. Hurra, das ist doch der Nährboden, auf dem Innovatives entsteht!
Es soll ja auch schon mal vorgekommen sein, dass sich an manchen Dingen und Abläufen etwas geändert hat. Alle reden zwar von Fortschritt, aber bei sich selbst oder in seinem Bereich will keiner damit anfangen. Hurra, das ist doch der Nährboden, auf dem Innovatives entsteht!
So entlarvend hatte ich die Aussage gar nicht wahrgenommen. Aber natürlich, warum hätte er zu einem früheren Zeitpunkt anders antworten sollen.
mifasola,
Freitag, 22. Februar 2008, 20:33
(Permalink
)
Wer geht, ist sehr oft ein Stück weit der Verräter. Die Erfahrung habe ich jetzt leider schon mehrfach gemacht. Das letzte Mal sagte der Chef zum Abschluss unserer letzten gemeinsamen Redaktionskonferenz, natürlich vor aller Ohren: Naja, manche Ratten verlassen das Schiff, bevor sie wissen, ob es überhaupt sinkt.
Schön. Er als Kapität kann ja gerne abwarten und dann mit absaufen. Leider war ich so perplex, dass mir das in der Situation nicht eingefallen ist.
Schön. Er als Kapität kann ja gerne abwarten und dann mit absaufen. Leider war ich so perplex, dass mir das in der Situation nicht eingefallen ist.
wasweissich,
Samstag, 23. Februar 2008, 20:47
(Permalink
)
Dein Text hört sich genau nach meinem Abschlussgespräch an, als ich meine letzte Stelle gekündigt hatte. Ich fand es sehr frustrierend, aber war dann auch sehr schnell sehr froh, dass genau das alles endlich vorbei war. Komisch, dass sich das alles immer so ähnelt - und die einzig richtige Lehre, die man aus dieser Erkenntnis ziehen kann, ist wohl die von kid37.
Ja, wenn die eigene Wichtigkeit mit der der Aufgabe nicht mehr überein zu bringen ist, muss man sich für die eigene entscheiden.
@mifasola: Boah, auch noch vor versammelter Mannschaft. Manche ahnen vermutlich nicht einmal, wie armselig und unsouverän sie sich damit als Chef zeigen.
@mifasola: Boah, auch noch vor versammelter Mannschaft. Manche ahnen vermutlich nicht einmal, wie armselig und unsouverän sie sich damit als Chef zeigen.
mifasola,
Montag, 25. Februar 2008, 10:34
(Permalink
)
Jedesmal, wenn ich klitzekleine Zweifel bekomme an der Entscheidung, eine Festanstellung zugunsten (?) einer freien Existenz aufzugeben, denke ich an genau diesen Moment - und bin froh.
Diverse Kollegen waren übrigens genau so geschockt wie ich. Wird Klima und Motivation nicht gut getan haben, diese Nummer.
Diverse Kollegen waren übrigens genau so geschockt wie ich. Wird Klima und Motivation nicht gut getan haben, diese Nummer.

