Nachtgedanken
Dünnhäutig, müde, rastlos. Die beste Voraussetzung, mich in Online-Debatten zu verbeissen, wütend und mit missionarischem Eifer, sinnlos. Geradezu danach suchend, wie ein beschissener, lächerlicher Kampfhund.

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Jerusalem, surge, et exue te vestibus iucunditatis,
induere te cinere et cilicio,
quia in te occisus est Salvator Israel.

(Jerusalem, erhebe dich, ziehe die Freudengewänder aus,
bedecke dich mit Sack und Asche,
denn in dir wurde der Retter Israels getötet)
Gestern abend beim Singen einen Moment lang den eigenartigen Wunsch verspürt, selbst meine Kleider abzulegen und mich in grauen, harten, kratzenden Stoff zu kleiden.

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Dann die Erinnerung, als ich zuvor noch vom Büro aus meine Söhne anrief, der dünne Draht zu ihrem Alltag, ein-zwei mal die Woche. Normalerweise sind sie entweder mit irgendetwas beschäftigt, so dass sie den Kopf gerade gar nicht zum Erzählen frei haben, oder sie sprudeln umgekehrt alles ohne Punkt und Komma heraus, um plötzlich unvermittelt Gute Nahacht! in den Hörer zu rufen und ihn dem Bruder oder der Mutter in die Hand zu drücken.

Heute nahm mein Kleiner das Telefon ins Kinderzimmer mit zum Großen, stellte es auf Lauthören, was mich diesmal gar nicht störte, und dann fragten sie mich, gemeinsam. Was ich gerade täte. Ob ich denn auf der Arbeit einfach telefonieren dürfe. Und: was, ich würde im Chor singen? Ich singe seit bald fünf Jahren, und sie wissen es nicht, ich hatte es ihnen einfach nie erzählt. Und sie sprachen wieder davon, dass sie im August gerne mit der Möwe und mir nach Italien fahren würden.

Dieser ruhige, innige Moment am Abend, an dem die wichtigen Dinge zutage treten, den ich so vermisse, seit sie nicht mehr bei mir übernachten, unvermutet in einem fensterlosen, öden Besprechungszimmer am Telefon.

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Es ist sechs Uhr, die Morgenglocke läutet und irgendwo singt eine Amsel. Zwei Stunden geschlafen. Wird ein langer Tag werden.

[giardino, Dienstag, 4. März 2008, 06:04] 576



kid37, Dienstag, 4. März 2008, 10:22   (Permalink )
Es ist immer sehr berührend, wenn Sie über Ihre Kinder erzählen. Und wie es so ist, wenn es ist, wie es ist.

giardino, Dienstag, 4. März 2008, 11:27   (Permalink )
(danke)

diagonale, Dienstag, 4. März 2008, 10:51   (Permalink )
Es berührt mich, wenn Sie so schreiben. Dennoch: Warum übernachten die beiden nicht mehr bei Ihnen?
Diese Frage muss nicht beantwortet werden... kann aber sehr gern. :o)

giardino, Dienstag, 4. März 2008, 11:25   (Permalink )
Schwierig zu beantworten. Mein Kleiner würde meist ohne weiteres. Mein Großer aber ist oft zerrissen; er ist auch derjenige, an dem - immer noch - manches mal selbst der vierzehntägliche Besuch den Tag über scheitert (weil ohne ihn mein Kleiner dann auch oft nicht kommen mag). Ein Grund für diese Zerrissenheit, die sich schon mal in plötzlich auftretender Angst äußert, seiner Mutter könne in seiner Abwesenheit etwas passieren, liegt auf jeden Fall in der Zerrissenheit meiner Ex-Frau. Sie selbst würde den Kindern nie den Eindruck vermitteln wollen, dass sie auch mal froh ist, wenn sie die Zeit für sich hat. Was sie aber natürlich trotzdem ist. Gleichzeitig fällt ihr ohne sie die Decke auf den Kopf und an manchen Samstagen ruft sie dreimal bei mir an, ob wir gut angekommen wären, wann wir wieder losfahren würden, ich solle vorsichtig fahren etc. Die ganze Entscheidung über den Besuch bei mir überträgt sie daher seit langem ihm, der damit natürlich überfordert ist (und dem eine solche Macht nicht alleine zustehen sollte - immerhin entscheidet er im Zweifelsfall darüber, wie außer ihm noch drei Erwachsene und sein Bruder ihr Wochenende verbringen). Diskussionen darüber sind fruchtlos, zumal sie ja oberflächlich auch oft versucht, ihn zum Besuch zu überreden.

Ich vertraue auf die Zeit.

mark793, Dienstag, 4. März 2008, 11:31   (Permalink )
O je. Das stelle ich mir wirklich zermürbend vor. Ich wünsche Ihnen viel Kraft, das auch weiterhin tragen zu können, bis die Zeit das ihrige tut.

diagonale, Dienstag, 4. März 2008, 11:58   (Permalink )
Au wei. Aber ich glaube, Sie machen das völlig richtig. Je weniger Druck Sie ausüben, desto eher wird sich die Lange entspannen. Wie alt sind die beiden jetzt?

giardino, Dienstag, 4. März 2008, 12:54   (Permalink )
Danke für den Zuspruch und die guten Wünsche.

Die beiden sind 8 und 10. Ich bin da inzwischen auch grundsätzlich zuversichtlich, dass es werden wird.

Die Sache mit dem Druck sehe ich zumindest im allgemeinen Fall nicht so eindeutig. Es gibt Momente, in denen ein Kind aktive Unterstützung bräuchte, anstatt dass man versucht, es vor jedem Konflikt z. B. mit der Mutter zu bewahren. Und ihm (vermeintliche) Entscheidungsprivilegien zu nehmen bedeutet auch Druck, ist aber in seinem Sinne zuweilen notwendig, einfach weil ein Kind über das Recht hinaus, mit seiner Meinung gehört zu werden, für manche Entscheidungen weder reif genug ist noch in der Position dazu sein sollte. Und man es damit von Verantwortung entlastet, die es nicht tragen kann, siehe oben. Leider sitze ich da am kurzen Hebel und kann nur schwer etwas gegen die Überzeugung meiner Ex-Frau bewegen.

diagonale, Dienstag, 4. März 2008, 13:09   (Permalink )
Ich meinte den Druck auch eher in Bezug auf Ängste und Meinungen. Nicht in Bezug auf Entscheidungen. Man muss nicht versuchen, einem Kind Dinge mit Druck ein- oder auszureden. Das geht meist nach hinten los. Entscheidungen darf/muss man ihm aber zuweilen auf jeden Fall abnehmen. Nachher sind sie oft sehr dankbar dafür und fühlen sich getragen. Das ist wichtig.

giardino, Dienstag, 4. März 2008, 15:53   (Permalink )
Gerade läuft mir zum ersten Abschnitt ein Cartoon gegens Bein: klick

kid37, Dienstag, 4. März 2008, 16:51   (Permalink )
;-)

c17h19no3, Dienstag, 4. März 2008, 16:54   (Permalink )
die zärtlichen momente wählen für ihren auftritt gerne schäbige requisiten. das macht sie aber um so intensiver.