Gesundheitsreligion
»Gesundheit« heißt das Zauberwort. Man muss etwas tun, um gesund zu bleiben, zu werden oder: wieder zu werden. Die Inbrunst, mit der man sich darum bemüht, sich dafür aufopfert, erinnert an Religion. Die Gesundheitsreligion herrscht schichten, partei- und konfessionsübergreifend in jedem Winkel unserer Gesundheitsgesellschaft. Selbst in den Raucherreservaten, die es noch gibt, raucht man mit schlechtem Gewissen. Auch der Begriff Sünde wird heute eigentlich nur noch gesundheitsreligiös verwendet. Etwa beim Verzehr von Sahnetorte. [...]

[Die Gesundheitsreligion] suggeriert unerreichbare Utopien und unterhält eine florierende Industrie, die ihren trügerischen Versprechungen die sehnsüchtigen Massen zutreibt. Mit verbissenem Ernst, die Todesdrohung im Nacken, und schuldgebeugt hetzen die Menschen bei Marathonläufen durch die Straßen hässlicher Städte, laufen von Arzt zu Arzt und essen unschmackhafte Sättigungsbeilagen zu einem Leben voller Verzicht und Kasteiung. Um den Tod zu vermeiden, nehmen sie sich das Leben, nämlich unwiederholbare Lebenszeit. [...]

Unmerklich, aber umso wirkungsvoller hat die Gesundheitsreligion unser Menschenbild verändert. Wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der nicht mehr heilbare, der chronisch Kranke oder gar der Behinderte ein Mensch zweiter oder dritter Klasse, dem man den Eingang zum Leben fürsorglich verwehrt oder den Ausgang mitfühlend erleichtert.
Meine rechthaberische Seite (»Ich hab's doch immer schon gesagt!«) gebietet mir, auf diesen mir aus dem Herzen sprechenden Artikel in der Zeit hinzuweisen.

[giardino, Sonntag, 20. April 2008, 23:34] 471



lac, Montag, 21. April 2008, 11:44   (Permalink )
ach, das spricht mir aus meinem herz.
wie oft höre ich "iß anders - mache diese übungen - nehme nahrungszusätze - laß dich von dem +dem operieren..." dann , ja dann! ?
ich steh immer ganz fassungslos vor der meinung, meine chronische körperliche andersartigkeit sei durch "richtige" maßnahmen einfach wegzu-essen-machen-denken. oder ich bekomme um die ohren gehauen, daß es mit mir so ist wie es ist, weil ich in der vergangenheit wohl so ziemlich alles falsch gemacht habe. um niemanden auf den keks zu gehen, habe ich die meisterschaft gewonnen, die des verbergens. was aber den nachteil hat, das was man nicht sieht auch nicht existiert: "wie? du kannst nicht den 3stundenspaziergang mitmachen? wie deine knie sind im eimer? quatsch, du siehst doch gut aus! du siehst garnicht soooo leidend aus, also reiß dich zusammen..."
"stell dich nicht so an."
"mach was."
"das wird schon."
mit einem nicht normgerechten körper geboren zu werden ist ein balanceakt.
ich bin ein krüppel. ich habe schwere traumata. ich bin unfruchtbar. ich rauche!
wie endlich das leben ist, das nun weiß ich sehr genau, deswegen, ja! gerade deswegen:
ich bringe mir gerade lebensqualität und geniessen bei.
halt mit ein paar weniger menschen an meiner seite.....
ich weiß ich werde nie mehr gesund. na und?
edit:
ich vermute, die meisten menschen haben angst davor "daß es sie auch erwischen" könnte.....

gedankenmaler, Montag, 21. April 2008, 21:19   (Permalink )
Ich halte diese Darstellung für reichlich übertrieben, aber man muss ja immer ein bißchen pointieren... Es ist zwar schon so, dass es diese "Religion" inzwischen in der Tat gibt - doch fallen ihr wirklich so viele zum "Opfer"? So verbreitet ist die meiner Wahrnehmung nach gar nicht.
Den letzten Satz halte ich jedenfalls für sehr daneben. Es liegt ja wohl nicht an einer neuen "falschen" Religion, dass sich die Menschen gegenseitig oberflächlich be- und abwerten - sondern an einer ganz allgemein vorhandenen Oberflächlichkeit in der Gesellschaft.
Und dass er das Mitgefühl, dass in aktiver Sterbehilfe liegt, so subtil und polemisch abwertet - letztlich eigentlich nur billig -, geht mir total gegen den Strich.

giardino, Donnerstag, 1. Mai 2008, 12:01   (Permalink )
Zum Opfer fallen ihr schon mal alle diejenigen, die sich verstecken (s.o.) oder sogar aus dem Leben verabschieden, weil sie selbst ihre eigenen Gebrechen als unzumutbar für andere halten. Ich glaube nicht, dass es wenige sind. Und die, die das Gegenteil versuchen, nämlich mit Behinderung oder Krankheit ein ganz normales, auch für andere sichtbares Leben zu führen (ob als unmittelbar Betroffene oder Angehörige), müssen viel Energie und Selbstbewusstsein aufbringen, um sich angesichts der oft genug zutiefst verletzenden, manchmal dummen, manchmal böswilligen Reaktionen und Einordnungen ihrer Mitmenschen nicht den Mut rauben zu lassen. (So wie ich das wahrnehme in Deutschland eher mehr als anderswo.) Von den Knüppeln, die Behörden einem dabei zwischen die Beine werfen können, ganz zu schweigen. Insgesamt finde ich das sonst oft über die Grenzen strapazierte Wort kämpfen hier sehr angemessen.

Und eine Ursache sehe ich durchaus in der Gesundheitsideologie und ihrer Allgegenwart: Gegenmodelle und alternative Lebenskonzepte kommen schwer dagegen an, sind kaum sicht- oder wahrnehmbar — am ehesten vielleicht noch in den christlichen Kirchen (die ihrerseits an ihren Rändern mit Fanatismus der entgegengesetzten Richtung zu kämpfen haben). Behinderung oder Krankheit als Teil des Lebens zu begreifen ist nicht selbstverständlich.

Die Suche nach Heilung oder Vermeidung von menschlichem Leid ist ja an sich nicht verwerflich. Menschenverachtend wird sie in dem Moment, wo sie Leben selektiert, das Leben selbst vermeiden will. Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen mit einem Mal in die Rechtfertigung ihrer blanken Existenz zwingt. Ihnen auch eine Definition von Leid aufzwingt, die sie selbst vielleicht überhaupt nicht teilen.

Dass der Autor dabei das Mitgefühl mit Todkranken prinzipiell abwerten würde, habe ich so nicht empfunden. Die Frage, ob das Legalisieren aktiver Sterbehilfe in Summe nicht einem »Entsorgungsgedanken« Vorschub leistet, einer Selbstverständlichkeit der Tötung, darf aber gestellt werden. Ebenso muss Mitgefühl hinterfragt werden dürfen. Es dürfte selten frei von egoistischen Motiven oder eigenen Vorstellungen davon sein, wann ein Leben lebenswert ist. Dessen sollte man sich zumindest bewusst sein.

Man muss ja immer ein bißchen pointieren, schreiben Sie. Ich glaube, anders kann man kaum Gehör finden, wenn man eine so durchdringende, grundsätzliche Haltung in Frage stellen will.

gedankenmaler, Freitag, 2. Mai 2008, 00:17   (Permalink )
Glaube bitte keiner, dass mir das Bewußtsein für die Mißstände fehlt, die es in dieser Gesellschaft im zwischenmenschlichen Umgang gibt. Gerne beteilige ich mich auch daran, diese anzuprangern, doch bin ich, was die Ursachenzuschreibung angeht, anscheinend einer anderen Meinung. Die "Gesundheitsreligion" mag ein wirkender Faktor sein, doch halte ich ihn eher für gering - für sehr gering. Allerdings ist mir ehrlich gesagt nicht 100%ig klar, was der Autor damit meint. Vielleicht fehlt mir auch einfach das Vorstellungsvermögen dafür, dass aus dem legitimen Ideal der Gesundheit heraus Menschen als zweit- oder drittklassig betrachtet werden, wenn sie dem Ideal nicht entspechen. Sowas geht mir halt einfach nicht in den Kopf - und gerade jetzt, wo ich dies schreibe, begreife ich überhaupt erst diese Denk-Möglichkeit: Gesundheit nicht nur als etwas Erstrebenswertes zu betrachten, sondern auch als etwas, das eine Aussage über den eigenen Wert darstellt. Ist es dies? Oder ist es mehr so ein stumpfes, verkrampftes "Man muss haben - schlimm wenn nicht" mit dem Zielobjekt "Gesundheit"? Dass sich letzteres in einigen Köpfen eingenistet hat, kann ich durchaus nachvollziehen. Diese Art von Massenbewegung ist aber eine mechanische, die ohne große bewußte Gedanken und Wertungen vonstatten geht. Um wirklich von einer Religion reden zu können, braucht es aber eine halbwegs bewußte Ideologie.
Jetzt könnte man mir natürlich entgegnen, dass der Autor den Begriff der "Gesundheitsreligion" doch so oder so eher als Stilisierung verwendet. Dafür aber treibt er es mit dieser Logik meiner Meinung nach zu weit. So sehe ich z.B. auch keinen notwendigen Zusammenhang zwischen dem Gesundheits- und Fittneswahn auf der einen Seite und der Abwertung von chronisch Kranken und Behinderten auf der anderen. Klar, es könnte so sein, dass für beides eine "Gesundheitsreligion" der treibende Motor ist, aber ich glaube ebend, dass dies in der Praxis eher nicht so ist. Es gibt gar keine Gesundheitsreligion. Der Autor scheint mir sich in seiner eigenen Stilisierung zu verlieren. Ich glaube, es gibt nur einen allgemeinen Mangel an Tiefe in unserer Gesellschaft, und aus diesem heraus ist der Mensch für viele Dummheiten anfällig; z.B. für die wahnhafte Ausübung eines Hobbies, oder für das Verkennen des "Wertes" des "Lebens", oder für beides gleichzeitig.
"Gesundheitsreligion" ist meiner Meinung nach also mehr eine gut klingende Interpretation als etwas Wirkliches, bzw. sie ist nur in einem sehr geringen Maße eine wirkende Größe. Sie taugt nur wenig als Sündenbock. Diesen Suchen wir natürlich immer gerne, weil wir dann glauben, man könnte den Fehler auf einfache Weise beheben. Von einem allgemeinen Mangel an Tiefe zu reden, wie ich es tue, bietet dagegen keinen klaren, einfachen Ansatzpunkt und mutet wohl ziemlich langweilig an. Vielleicht aber habe ich ja trotzdem Recht. Wir müssen weniger eine neue, falsche Religion bekämpfen als endlich darin investieren, den Mangel an "echter Religiösität" in unserer Gesellschaft zu beheben. Dies erfordert von uns allen mehr Tiefe. Vielleicht erwerben wir eines Tages dann ja auch wirkliches Wissen über Leben und Tod - und fällen unsere Urteile darüber und allem, was damit im Zusammenhang steht, auf einer ganz anderen Grundlage. Bisher sind wir ja alle nur so eine Mischung aus Dogmatiker und Pragmatiker mit Angst davor, etwas falsch zu machen.

Noch ein Wort zur Sterbehilfe: Ich betrachte diese als ein Grundrecht, das man einfach noch nicht voll erkannt hat. Ein Grundrecht, das so fundamental ist, dass ein gewisses Mißbrauchspotential kein Gegenargument ist. Die Anerkennung der so oft zitierten "Würde des Menschen" besteht für mich vor allem darin, dem Menschen seine Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortlichkeit zu lassen und ihn nicht zu entmündigen.