Ballett
Ich mag weder Oper noch Musical. Leider recht durchgehend, womit ich schon einige Gesprächspartner ratlos zurückgelassen habe, die das so gar nicht verstehen konnten. Das hat viel mit den Gesangsformen zu tun, aber auch mit dem Pathos und der Art und Weise, wie verkünstelt Figuren und Geschichte gestaltet werden. Insofern war ich bislang skeptisch, ob mir Ballett als weitere musikalische Erzählform gefallen könnte. Ich wusste aber sicher, dass mir Prokofievs Musik zu Romeo und Julia außerordentlich gut gefällt; daher war das Risiko, von einer Aufführung des Balletts enttäuscht zu werden, zumindest eingegrenzt.

Und? Es war perfekt. Im Nürnberger Opernhaus, in dessen altem Saal ich ohnehin gerne bin, saßen wir im Rang in der vorderen Loge, von wo aus man einen guten Einblick in die Dekolletés der Bratsch den Orchestergraben und fast die gesamte Bühne hatte. Das Bühnenbild war schwarz und reduziert auf wenige flexible Kastenelemente und Gerüste, so dass sich alles auf die Choreografie und tänzerische Darbietung konzentrierte. Und die war, ebenso wie die musikalische Interpretation durch die Nürnberger Philharmoniker, mitreißend. Ich gebe es nur ungern zu, aber nach dem unglaublich langen Pas-de-deux der beiden Liebenden (Balkonszene usw.) und später auch bei der Ensembleszene nach Tybalts Tod standen mir Tränen in den Augen, so ergreifend war das.

Ich glaube, wesentlich mehr als die eigentliche Geschichte hat mich umgehauen, wie sehr sich die Wirkung von Musik und Tanz im Zusammenspiel intensiviert, sich einerseits die Stimmung der Musik plötzlich aus den Bewegungen und Gefühlen der Tänzer erklärt und umgekehrt die Tänzer diese Musik mit nichts als ihrem Körper zum Leben bringen. Vor allem die Darstellung der Julia (Mathilde van de Wiele) war umwerfend leidenschaftlich.

Ich bin jetzt, einen Tag später, noch ganz erfüllt. Das war wohl nicht mein letzter Ballettbesuch.

Es gibt noch ein paar Karten für die verbleibenden Aufführungen am 16. und 31. Januar sowie am 3. Februar (siehe Link oben).
Einen Eindruck von der Aufführung geben zwei Trailer auf Video.

[giardino, Freitag, 15. Januar 2010, 17:35] 633



arboretum, Freitag, 15. Januar 2010, 17:42   (Permalink )
Bei mir ist es eher umgekehrt, beim Nussknacker dachte ich Schade, dass niemand singt - aber ich habe es ja auch mit Oper (mit Musical hingegen nicht sehr).

giardino, Freitag, 15. Januar 2010, 23:45   (Permalink )
Ich glaube, bei klassischem Ballett mit Tutu und Zehenspitzengetippel würde es mir vermutlich ähnlich gehen.

isabo, Freitag, 15. Januar 2010, 17:46   (Permalink )
Auf dem Video sieht es aus, als wäre die Beleuchtung auch unglaublich gut.

giardino, Freitag, 15. Januar 2010, 23:42   (Permalink )
Ja, das war sie. Zuweilen mit Effekten wie im Schwarzen Theater, z. B. schwebte Julia einmal hell leuchtend davon, von schwarz Gekleideten getragen, die aber nicht zu sehen waren. Aber alles mit einfachen Mitteln wie einigen wenigen Spotlights realisiert, ähnlich schlicht wie das Bühnenbild.

mark793, Samstag, 16. Januar 2010, 00:11   (Permalink )
Ich mag weder Oper noch Musical. Leider recht durchgehend, womit ich schon einige Gesprächspartner ratlos zurückgelassen habe, die das so gar nicht verstehen konnten. Das hat viel mit den Gesangsformen zu tun, aber auch mit dem Pathos und der Art und Weise, wie verkünstelt Figuren und Geschichte gestaltet werden.

Präziser hätte ich meine eigenen Empfindungen hierzu auch nicht in Worte fassen können. Vielen Dank dafür, dass mich damit nicht mehr so alleine fühlen muss, wenn ich in einer Gesprächsrunde sitze und mal wieder die A- oder B-Karte (B wie Banause) bekomme, nachdem ich meine tiefsitzenden Vorbehalte gegen diese beiden Kunstformen geäußert habe. Sicher gibt es einige wenige Arien oder Lieder aus Musicals, die keinen direkten Flucht- oder Abschaltreflex bei mir auslösen, aber warum diese Beispiele im Einzelfall gehen und der ganze Rest nicht, könnte ich selber gar nicht stimmig begründen. Es ist halt so, und ich verspüre auch keinen Leidensdruck, daran noch groß zu rütteln. Ich werde womöglich auch bestimmte Spielarten von Jazz in diesem Leben nicht mehr goutieren lernen. Sei es drum, dafür kann ich ganz gut mit Stille umgehen. ;-)

Dem Ballett hingegen wohnt ein Zauber inne, den nicht mal das hundertmal gesehene klassische Rumgestakse zur "Nussknacker-Suite" wesentlich beeinträchtigen kann. Dafür hat sich die Formensprache seitdem einfach zu intensiv weiterentwickelt. Ihr Bericht weckt Begehrlichkeiten, mal wieder gutes Tanztheater zu sehen.

arboretum, Sonntag, 17. Januar 2010, 00:32   (Permalink )
Oper ist voller Liebe, Sex and Crime, mir gefällt das. Außerdem klingt es auch dann noch gut, wenn mehrere Personen durcheinander "reden", funktioniert im Sprechtheater ja nicht so. Beim Tanztheater fange ich meistens doch irgendwann an, mich etwas zu langweilen. Das ging mir sogar beim Cloud Gate Dance Theatre so, als ich Wild Cursive sah. Außerdem sehen immer alle Tänzerinnen ziemlich gleich aus (Haare in der Regel zum Knoten geschlungen, stets keine Brüste und oft hässliche etwas deformierte Füße), das macht es auch nicht gerade interessanter.

patois, Montag, 18. Januar 2010, 12:02   (Permalink )
Das war wohl nicht mein letzter Ballettbesuch.

Basst scho. Allein des Nürnberger Opernhauses wegen war der Besuch es wert, vermute ich.

giardino, Montag, 18. Januar 2010, 14:28   (Permalink )
Oper ist voller Liebe, Sex and Crime
Oh, Frau Arboretum, das war das Ballett auch, und zwar nicht wenig. :)

@patois: Das kam noch dazu, ja.