Immer noch unentschieden, ob ich die nahezu öffentliche Art, wie unser indischer Abteilungsleiter mit dem Tod seiner Mutter umgegangen ist, gut oder unangemessen finden soll. Seit sie vor wenigen Wochen schwer krank wurde, hielt er die Abteilung alle paar Tage per Mail über ihren Zustand auf dem Laufenden, auch von Indien aus, wo er eine Woche an ihrem Krankenbett wachte, bevor er von seinem Bruder, der auch von irgendwo auf der Welt anreiste, abgelöst wurde. Und schließlich über ihren Tod, dessen Nachricht ihn letzte Woche erreichte und von dem er uns in einer längeren Mail berichtete, ganz so als gehörten wir zu seiner erweiterten Familie.

Das sind eine Menge Details aus dem Privatleben, wie man sie in einer deutschen Firma von einem Kollegen oder Vorgesetzten selten jemals erfährt, und wenn überhaupt, dann im persönlichen Gespräch und nicht aus Mails an die gesamte Abteilung. Entsprechend war ich von diesem Umgang auch peinlich berührt. Mehr noch als ohnehin schon, wenn er in unseren montäglichen Abteilungsrunden Familienfotos zeigte und uns aufforderte, ebenso zu erzählen, wie wir unser Wochenende verbracht hatten. Das war nicht nur ärgerlich, weil diese Runde früher begann als ich Montag morgens gerne erst in die Arbeit gegangen wäre und sie dann teilweise mit diesem — in Arbeitsdingen — belanglosem Geplauder vergeudet wurde, sondern auch peinlich, denn: Was, wenn jemand sein Wochenende sagen wir mal heulend im Bett verbracht hatte? Was sollte der oder die denn dann erzählen, nachdem ein Kollege gerade Bilder vom Snowboarden gezeigt und der andere vom geselligen Familientreffen erzählt hatte? Und was ging es die anderen an? Bürogemeinschaften sind Zwangs- und Zweckgemeinschaften, sie werden bei allem menschlichen Umgang miteinander keine Familien oder Freundschaften werden. Erst recht nicht, wenn manche die Vorgesetzten von anderen sind, die im Zweifelsfall auch mal rügen oder versetzen müssen. Da vermischt sich irgendetwas, was nach meinem Gefühl getrennt bleiben sollte.

Andererseits. Mein Verhältnis zu ihm ist einen Tick vertrauensvoller geworden, seit ich ihm auf seine Mails mit guten Wünschen und dem Versuch tröstlicher Worte geantwortet hatte, einmal bevor er nach Indien flog und dann auf die Todesnachricht. Und wer ihm begegnete, schüttelte die Hand und wünschte ihm Gutes, und die Male, die ich dabei war, wirkte das ehrlich und nicht geheuchelt. Es tat ihm sichtlich gut, auf diese Weise unterstützt und getragen zu werden. Und so frage ich mich, ob nicht auch eine Stärke darin liegt, offensiv mit seiner Trauer umzugehen. Mag sein, dass es in unserer Kultur nicht immer funktioniert und man auch eine menschlich intakte Umgebung dazu braucht, die an der Arbeitsstelle nicht eben selbstverständlich ist, aber vielleicht steckt etwas Nachahmenswertes darin: eine private Belastung nicht vor den anderen zu verschweigen, mit denen man immerhin den größten Teil seines Tages verbringt, sondern implizit um Verständnis zu bitten und, nicht zu vernachlässigen, die folgende Unterstützung auch annehmen zu können.

[giardino, Montag, 1. November 2010, 10:46] 904



kid37, Montag, 1. November 2010, 12:09   (Permalink )
Ähnlich war/ist ja auch Bloggen so: das Nachaußenstülpen von Privatem, Peinlichem manchmal auch, dieses confessional writing. Das gibt auch neue Kraft, schafft neue Verbundenheiten (bis dann dieses Dilemma mit der verlorenen Anonymität eintritt und die meisten sich in der Hinsicht neu justieren).

diagonale, Montag, 1. November 2010, 22:18   (Permalink )
Ähnlich wie er habe ich es mit den Geschcihten meines Vaters getan. Für mich hatte das verschiedene Gründe.
1. gibt es zu viele Menschen, die solche Geschichten unverarbeitet verschweigen
2. habe ich sie aufgeschrieben, weil mich hier das Erzählen leichter fällt. Es formten sich beim Schreiben Worte, ide ich auch brauchen jinnte, wenn ich davon erzählte. Durch das vorherige Schreiben fiel mir das Erzählen leichter und ich blieb stärker dabei... auch im Büro. Denn gerade da, hielt mich nur das Korsett der Sachlichkeit.

Vielleicht ist das auch sein Grund?

giardino, Mittwoch, 3. November 2010, 00:46   (Permalink )
Ich denke schon, dass das Teilen seiner Situation mit anderen, sie auf diese Weise begreifen zu können ganz ähnlich motiviert ist. Der Unterschied ist sicher, dass solche Gedanken und Geschichten in einem persönlichen Blog ein natürliches Zuhause haben, während sie im sachlichen Firmenkontext ein wenig irritieren. Mich zumindest.

texas-jim, Mittwoch, 3. November 2010, 09:59   (Permalink )
Herr Kid, Sie sagen es.

arboretum, Montag, 1. November 2010, 22:46   (Permalink )
Sie wissen ja sicherlich, dass gerade dieses - in Arbeitsdingen - belanglose Geplauder in einer ganzen Reihe anderer Länder zur Arbeit dazu gehört - eine Kunst, die gerade deutsche Geschäftsleute oft nicht so gut beherrschen. Sie erscheinen zu Meetings meist bestens vorbereitet, mit sehr genauen Vorstellungen, was sie wollen oder anbieten können, und kommen sofort zur Sache. Sie gelten daher häufig als unhöflich und mitunter auch als nicht sonderlich vertrauenswürdig. Denn um Vertrauen aufzubauen, plaudert man erst einmal, und in einigen Ländern muss man auch erst einmal gehörig zusammen trinken, bevor man richtig ins Geschäft kommen kann, nicht nur in Russland. In England wiederum gehen Arbeitskollegen regelmäßig nach der Arbeit noch gemeinsam im Pub einen trinken, hier ist das nicht so üblich. Möglicherweise praktiziert Ihr indischer Chef also mit seinen Plauderrunden am Montagmorgen nur das, was dort, wo er zuvor gearbeitet hat, gang und gäbe ist.

So gesehen, ist es vielleicht auch nur sehr deutsch, sich von seiner nahezu öffentlichen Art, mit dem Tod seiner Mutter umzugehen, erst eimmal peinlich berührt zu fühlen.

kristof, Dienstag, 2. November 2010, 09:51   (Permalink )
So gesehen wäre es evtl. auch gut, ihm frühzeitig und offensiv zu stecken, dass das in Deutschland nicht so üblich ist. Vielleicht ist ihm das später nochmal peinlich ...

diagonale, Dienstag, 2. November 2010, 10:34   (Permalink )
Warum sollte man versuchen, jemandem etwas abzugewöhnen, wenn seine Art mit etwas umzugehen (für ihn) eigentlich gut ist?

kristof, Dienstag, 2. November 2010, 11:28   (Permalink )
Ich finde es eine Art von Höflichkeit, wenn man Leute darauf hinweist, wenn Sie Gefahr laufen, sich zu blamieren und unbeliebt zu machen.

arboretum, Mittwoch, 3. November 2010, 00:14   (Permalink )
@ Kristof: Ich nehme mich davon gar nicht aus. Die Mails des indischen Vorgesetzten über das Sterben seiner Mutter hätte ich wahrscheinlich auch etwas irritierend gefunden - und im Gegensatz zum Herrn Giardino wäre es mir sicherlich sehr viel schwerer gefallen, die passenden Worte zu finden, um ihm zu antworten (ich habe hier seit einer Woche eine Karte herumliegen, mit der ich jemandem aus der großen Sippschaft kondolieren will, und bekomme sie nicht geschrieben, es klingt alles blöd oder banal, also verwerfe ich es wieder).

giardino, Mittwoch, 3. November 2010, 01:01   (Permalink )
@arboretum: Natürlich. Dieser Unterschied zwischen den Kulturen ist mir bewusst, das Plaudern über Persönliches zum Warmwerden, überhaupt der ganz andere Stellenwert von Familie und Gemeinschaft. (Wobei ich das lange nicht bei allen indischen Kollegen so ausgeprägt erlebt habe wie bei ihm.)

@kristof: Prinzipiell ist da was dran. Er arbeitet aber schon mehrere Jahrzehnte in einer deutschen Firma, in den USA und Deutschland, und hat im Allgemeinen einen sehr guten Zugang zu Kollegen und Mitarbeitern (auch den deutschen). Insofern halte ich es mit Frau Diagonale: Warum sollte man versuchen, jemandem etwas abzugewöhnen, wenn seine Art mit etwas umzugehen (für ihn) eigentlich gut ist? Und man sich meiner Meinung nach, wie gesagt, eigentlich auch mal eine kleine Scheibe davon abschneiden könnte.

giardino, Mittwoch, 3. November 2010, 01:07   (Permalink )
(@arboretum: Ich würde vielleicht genau das schreiben. Dass es mir schwer fiele, Worte zu finden, die ausdrücken könnten, was ich ihnen an Trost und Mitgefühl gerne vermitteln würde.)

kristof, Mittwoch, 3. November 2010, 10:33   (Permalink )
Gut, der Mann weiss offenbar, was er tut. Dann will ich nichts gesagt haben :)

indica, Mittwoch, 17. November 2010, 11:11   (Permalink )
Ich arbeite ja in einer kleinen Firma in einer kleinen Stadt. So bleibt ohnehin nicht viel - ob virtuell oder nonvirtuell - verborgen, bzw. teils tue ich persönliche Angelegenheiten auch im Blog kund. Als Leiterin meiner kleinen Abteilung habe ich auch z.B. den Tod meiner Mutter kundgetan, der unerwartet und plötzlich kam. Nicht zuletzt, weil ich fand, dass ich es meinen geschätzten Kolleginnen gegenüber schuldig war, ihnen einen plausiblen Grund zu nennen, warum ich ad hoc eine Woche weg bin und auch in Folge später dieses noch sein würde. Gleiches galt natürlich auch dem Chef gegenüber und so waren mein Wegsein und die Vertretungen kein Problem und ich habe alle sehr anteilnehmend und unterstütztend erlebt. Übrigens habe ich allerdings auch den Eindruck, dass das Anteilnehmen und Sich-Gegenseitig-Unterstützen hier im Osten noch eindringlicher gelebt (und manchmal auch mehr gefordert wird als mir lieb ist) wird.

Ich bin ein persönlicher Mensch und ich verbringe die meiste Zeit meiner Werk-Tage bei meiner, allerdings auch sehr kommunikativen!, Arbeit, so dass ich keine Probleme habe, persönliche "Anlässe" mitzuteilen. Andererseits: Ich muss ja nicht alles sagen und kann verschweigen, was wirklich privat bleiben soll oder es wird umschrieben.

Über vielfache Mails zum Zustand der Mutter hätte ich mich wahrscheinlich auch befremdet gefühlt, andererseits: Andere Kulturen, andere Umgehensweisen. Und ja auch "erfolgreich", wie Sie berichteten. Vielleicht ist Ihr Abteilungsleiter einfach jemand, der zum Nachdenken über unsere Sitten und Gebräuche anregt? Wie man ja an den Kommentaren sieht.

In einem wäre ich allerdings auch sehr, sehr intolerant: Montags noch früher zur Sitzung kommen, um mir über den Zustand der Mutter etwas anzuhören. Da hört auch meine Emphatie auf, beim heiligen Morgenschlaf... (Wir haben übrigens auch Montagmorgen unsere erste große Runde, allerdings erst um 10, was gefühlt, nun ja, halbwegs tolerabel ist.)

Sie sehen, Ihre Beiträge regen auch mich immer wieder zu länglichen Kommentaren an. ;-)