Ja, mach nur einen Plan
Nicht zum ersten Mal will man von mir im Rahmen eines Bewerbungsgesprächs explizit wissen, was meine Ziele NACH der zu vergebenden Stelle sind. Die berühmte 5-Jahres-Frage.

Warum?, frage ich mich. Ich bewerbe mich auf eine Stelle, um dann gleich zu erklären, was ich größeres (und damit: anderes) im Sinn habe? Wie soll ich jetzt wissen, was sich in der anderen Geschäftseinheit, die ich noch gar nicht näher kenne, in drei, vier Jahren an neuen, interessanten Aufgaben auftut? Wie sehr mir schon die beworbene Stelle überhaupt am Ende gefallen wird? Was ich für Erfahrungen mache, die mich in die eine oder andere neue Richtung schubsen werden?

Ein weiterer Aufstieg interessiert mich auch nicht. Im Moment jedenfalls. Ich möchte jetzt endlich erst einmal das tun können, wozu ich vor drei Jahren in meine jetzige Position gewechselt bin, was aber nie richtig zur Entfaltung kommen durfte.

Ich bin von meiner Mentalität her kein Vorausplaner, zumindest nicht nach Jahren. Im Gegenteil, in mir sträubt sich mit regelrecht religiöser Überzeugung etwas dagegen, das Leben im großen Maßstab zu verplanen. Ich weiß sehr, sehr genau, was mir konkret gut tut und was nicht. Ich weiß grob, in welcher Richtung das Ufer liegt, an das ich will. Aber ich wehre mich dagegen, über die nächsten ein, zwei Steine hinaus jetzt schon weitere festzulegen, über die ich dorthin gelange. Ich will offene Augen und Ohren haben, wenn mir Gott, das Leben, oder nennt es wie ihr wollt, einen überraschenden Pfad anbietet.

Im kurzen Telefonat heute klang die klare Erwartung durch, dass man zeigen können muss, wohin man über die Stelle hinaus will. Ich verstehe das nicht; mir wäre ja ein Bewerber, der mir klarmacht, dass die Stelle für ihn nur eine Zwischenstation in einem großen Plan sein soll, eher suspekt als einer, der mit Leidenschaft für diese Aufgabe lebt, aber noch nicht festlegen möchte, in welche Richtung er sich in ein paar Jahren weiterentwickeln wird.

Ich bin noch nicht sicher, ob ich im Bewerbungsgespräch ehrlich und selbstbewusst meinen Standpunkt darstellen soll, die ihm innewohnende Flexibilität hervorheben, oder — wie vermutlich die meisten Mitbewerber es tun würden — den offensichtlichen Erwartungen entsprechen und vorgeben soll, ich wolle anschließend noch die Welt erobern.

Was würdet ihr tun?

[giardino, Montag, 14. Februar 2011, 13:25] 1242



mark793, Montag, 14. Februar 2011, 13:46   (Permalink )
Schwierig. Also zunächst mal schicke ich voraus, dass ich ähnliche Probleme mit dieser Wo-sehen-Sie-sich-in-x-Jahren-Frage hätte. Ich erinnere da gerne an General Graf von Moltke mit seinem schönen Satz: "Angriffspläne scheitern für gewöhnlich bei der ersten Feindberührung."

Die Erwartungshaltung dahinter ist aber wohl nicht zuletzt die, dass den Fragenden dieses Dilemma ansatzweise schon klar ist und man (standardmäßig) sehen will, wie Sie sich da rauswinden. Ich würde also Ihr Problem mit dieser Fragestellung in der Antwort durchaus ansatzweise thematisieren, dann aber pro forma doch ein, zwei mögliche übernächste Positionen nennen, die im weitesten Sinn in Frage kämen für Sie. Ob es Ihnen zum Heil ausschlüge, sich dem Spielchen komplett zu entziehen, kann man von außen schwer sagen, wenn man die spezifische Unternehmenskultur nicht kennt. Wie ist da generell der Umgang mit Offenheit, mit Widerspruch, mit Quergedachtem?

kristof, Montag, 14. Februar 2011, 13:47   (Permalink )
Ich würde immer ehrlich bleiben und nie den Checker vorspielen. Vermutlich wäre meine Antwort in solch einem Falle: "Pffft, watt weiss ich?". Mir sind diese Lebensplaner auch ziemlich suspekt.
(Oh, Herr Mark, das Zitat muss ich mir merken.)

pappnase, Montag, 14. Februar 2011, 15:38   (Permalink )
dito.

bonafide, Mittwoch, 23. Februar 2011, 12:34   (Permalink )
jupp.

novemberregen, Montag, 14. Februar 2011, 14:52   (Permalink )
Es nützt nichts, für etwas gemocht zu werden, das man nicht ist.

Ich würde es deshalb immer so sagen, wie es ist. Mir ist es übrigens auch schon öfters in solchen Gesprächen passiert, dass ein Bewerber mir eine neue Sichtweise vermittelt hat oder einen Punkt, den ich noch gar nicht auf dem Radar hatte. Ich weiß das sehr zu schätzen und diese Leute bleiben viel stärker im Gedächtnis, als die mit den Standardantworten.

Eine andere Situation ist es natürlich, wenn eine Stelle existenziell überlebensnotwendig ist - dann kann es auch sinnvoll zu sein, zu lügen was das Zeug hält, um sie zu bekommen. Wenn Sie sich aber verbessern wollen, vom Umfeld, von der Zusammenarbeit, von der Arbeitsatmosphäre her, würde ich mit offenen Karten spielen - denn wenn die nicht passen, passen sie eben nicht, womit die angestrebte Verbesserung dann sowieso in Frage steht.

e13kiki, Montag, 14. Februar 2011, 14:57   (Permalink )
Witzig, ich hatte schon so einige Vorstellungsgespräche, in fünf-Mann-Klitschen und Konzernen, aber das hat man mich wirklich noch nie gefragt. Ist wahrscheinlich branchenabhängig?

Anyway – es gibt zwei Möglichkeiten: entweder, Du willst/brauchst den Job dringend, dann mach’ Dich schlau, was Dein hoffentlich künftiger Brötchengeber für Ziele rausposaunt und wie strategisch er sich aufstellt. Das steht üblicherweise auf der Homepage, in Pressemitteilungen etc. Und dann weise darauf hin, daß Du ihm auf diesen Weg zu Ziel X begleiten willst und zeigst die gewissen Übereinstimmungen bzw. Parallelen zu Deiner eigenen gewünschten Entwicklung auf.
(Protipp: „Ich will auf Ihrem Sessel sitzen“ ist keine gute Antwort, und „von meinem Boot aus die drei Rolls Royce vor meiner Villa in Südfrankreich beobchten“ auch nicht.)

Oder Du weist darauf hin, daß es Deiner Meinung nach wenig Sinn hat, zu weit vorauszuplanen, da man dabei leicht über Details stolpern kann und sich die Dinge in Deinem Bereich sowieso mit Lichtgeschwindigkeit ändern. Der Spruch zieht natürlich nur dann, wenn dem auch so ist, also in der Buchhaltung oder Verwaltung oder so. Wer hätte vor 5 Jahren gedacht, daß dieser pickelige Collegestudent bald ein 50 Milliarden Dollar Unternehmen besitzen würde? Daß StudiVZ und MySpace keine Rolle mehr im Social Web spielen würden? Daß Mubarak friedlich aber bestimmt von seinem Volk vom Acker gejagt wird?

kid37, Montag, 14. Februar 2011, 15:12   (Permalink )
Ich sei froh um jeden Tag, den ich erlebe, war als Antwort, so vermute ich, in einem Gespräch vor zig Jahren auch nicht so gut. Vor mir saß eine junge Frau, frisch von der Personaler-Schule, wie mir schien, und konfrontierte mich zum ersten Mal in meinem Leben mit so einer Klassikerfrage. Und das in einer Branche, in der man eher fragen muß, ob die Firmen in fünf Jahren noch bestehen. Ich kann so jedenfalls nicht planen, ich weiß nicht, was in fünf Jahren ist. Die Erfahrung zeigt, irgendwas - aber nicht Weltherrschaft.

Vielleicht muß man in Ihrem Fall auch abwägen, von wem die Frage kommt. Bei einer bestimmten Unternehmensgröße führen vielleicht bloß Personaler das erste Gespräch - und die denken vielleicht deutlich anders als die eigentliche Abteilungsleitung und Abteilung, in der wiederum andere Werte und eine andere Kultur herrschen. Ich würde meine Antwort mit den Worten "Die Erfahrung zeigt mir, daß..." einleiten und erklären, was ich denke.

midori, Dienstag, 15. Februar 2011, 12:56   (Permalink )
Interessant. Genau mit dieser Frage würde ich mich auch schwertun, genauso wie mit vielen von diesen Personalerfragen, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, welche Art von "Skill" da gerade unter die Lupe genommen werden soll.
Aber bezogen auf die Stelle könnte es ja auch so sein: man sieht sich in einem erfolgreichen Team, das über die Jahre gute Projekte auf den Weg gebracht und abgeschlossen hat, das auf dem Weg viel gelernt hat, was für den Fortbestand und die Weiterentwicklung des Geschäftszweigs die Fundamente weiter ausgebaut hat und im Zweifel wird das Team bzw. der Geschäftszweig dann die Weltherrschaft anstreben - oder so. Aber ganz ehrlich: ich selbst wäre nicht wirklich gut mit diesem Blabla.

giardino, Samstag, 19. Februar 2011, 16:54   (Permalink )
Nur eine kleine Zwischenmeldung von unterwegs: Das Gespräch lief sehr gut. Ich bin außerdem euren Ratschlägen und meinem Gefühl gefolgt und habe auf diese Frage, wie auch überhaupt auf alle Fragen, ruhig und ehrlich geantwortet, und das kam offensichtlich gut an.

Die Aufgaben sind ganz nach meinem Geschmack und das Team, in dem die Stelle frei ist, ist samt Teamleiter total sympathisch und ganz auf meiner Wellenlänge. Ich hoffe jetzt sehr, die Entscheidung Anfang nächster Woche wird für mich fallen. Ich halte euch auf dem Laufenden. :)

cabman, Mittwoch, 23. Februar 2011, 12:20   (Permalink )
Oh, Herr Giardino, das freut mich für Sie, sehr. Denn diese 5 Jahresfrage hat weniger mit Ihrer tatsächlichen Planung zu tun. Sie ist darauf gerichtet, zu ermitteln, welch Geistes Kind Sie sind. Man klopft damit ab, wie sehr Sie feste Strukturen brauchen, wie offen Sie für Veränderungen und dergleichen sind. Insofern: Immer bei der Wahrheit bleiben, was Sie ja auch taten; alles andere hätte mich bei Ihnen auch gewundert!

Glauben Sie, ich wirklich wissen, wozu der Filz auf dem Tennisball ist, wenn ich diese Frage einem Bewerber stelle? Hierbei geht es nur um den Grad der Spontanität. Ich könnte Ihnen einen ganzen Katalog mit derlei Fragen zukommen lassen, die vordergründig merkwürdig scheinen. Wenn Sie da Hilfe brauchen, stünde ich Ihnen jederzeit zur Seite.

arboretum, Mittwoch, 23. Februar 2011, 17:01   (Permalink )
Die berühmte 5-Jahres-Frage, die immer so nach Planwirtschaft klingt, steht zwar in jedem Bewerbungsratgeber, aber ich kann mich nicht erinnern, eine so schlüssige Erläuterung gelesen zu haben, wie von Ihnen, Herr Cabman. Allerdings ist es auch schon viele Jahre her, dass ich mal einen las, vielleicht hat sich das inzwischen geändert.

mifasola, Mittwoch, 23. Februar 2011, 17:11   (Permalink )
Hat es nicht, anscheinend hatten wir immer noch nicht genug Krise, um den Glauben an die Planbarkeit des Lebens/Glücks/usw nachhaltig zu erschüttern.
In der vergangenen Woche wurde einem Bekannten übrigens auch diese 5-Jahres-Frage gestellt. In einer Konstellation, in der die einzig ehrliche Antwort gewesen wäre: auf Ihrem Stuhl. Das hat er sich aber nicht getraut.

giardino, Samstag, 5. März 2011, 21:35   (Permalink )
Letztlich wurde offenbar noch ein weiterer Bewerber oder eine weitere Bewerberin nach meinem Gespräch eingeladen, daher fiel die Entscheidung erst in dieser Woche. Leider negativ. Habe diesmal etwas gebraucht, mich wieder zu fangen — diese Stelle wäre es wirklich gewesen. Ich weiß noch nicht ganz, wie ich jetzt weitermache; es sind zwar noch zwei Bewerbungen offen, aber irgendwie scheine ich von meiner jetzigen Stelle nicht weg zu kommen. Wir werden sehen. Danke jedenfalls für eure unterstützenden Worte.

arboretum, Samstag, 5. März 2011, 21:50   (Permalink )
Ach, das tut mir leid. Wir drücken Ihnen jedenfalls weiterhin ganz fest die Daumen.