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Der Umzug treibt am Horizont bereits sein Unwesen. Zeit, schon mal irgendwas auszusortieren, damit der Krempel, den man schon in den vergangenen 5 Jahren nicht angerührt hat, nicht noch einmal mit umziehen muss. Beginnen wir im Arbeitszimmer. Beginnen wir mit den beiden Kartons voller Briefe.

So viele Briefe. Habe ich früher wirklich auch selbst so oft geschrieben? Auf Papier? Früher, das war ganz besonders die Zeit zwischen 1986 und 1995, von dem Moment an, als ich als Sechzehnjähriger den italienischen Chor kennengelernt hatte, der mich aus meiner eher kontaktarmen Teeniezeit in eine Gemeinschaft von über hundert Jugendlichen geworfen hatte, dann die Bekanntschaften aus Taizé und den europäischen Jugendtreffen bis hin zu den ersten Jahren Studium, bis ich schließlich mit meiner späteren, ersten Frau zusammenkam, von wo ab meine Briefkontakte rapide zurückgingen.
Viele Grußpostkarten, viel Belangloses, aber auch ganz viel fast in Vergessenheit Geratenes, Bewegendes. Wie meine erste echte Liebe, mit dreizehn Jahren, wir waren mit unserer Pfarrei-Musikgruppe ein Wochenende in einer Gemeinde in der Nähe von Antwerpen und ich hatte mich in Hilde verknallt, ein ein Jahr älteres Mädchen aus meiner Gastfamilie. So richtig doll, und sie sich auch. Wo ich bei der Abfahrt zum ersten Mal spürte, dass Liebeskummer körperlich weh tut, ein starkes Ziehen im Bauch. Wir hatten uns nicht einmal geküsst, nur ständig angelächelt und nah nebeneinander gesessen. Wir haben uns danach acht, neun Jahre lang noch geschrieben, obwohl wir uns nur dieses eine Mal gesehen hatten. Der letzte Brief von ihr ist die Geburtsanzeige ihres ersten Kindes.
Auch Schwieriges dabei. So wie die Gedichte und sehr gefühlvollen Briefe, später dann der seitenlange, bereits merkwürdig ausufernde Brief einer Bekannten, die ich auf der Fahrt zu einem Taizé-Treffen in Budapest kennengelernt hatte, die ihr Chemieingenieur-Studium abgebrochen und Theologie begonnen hatte, und die nur wenige Wochen nach diesem Brief in die Psychiatrie ging. Oder der Brief einer Italienerin, mit der ich mich während der Tournee im August lediglich mal freundlich unterhalten hatte, die mich daraufhin auf Schritt und Tritt verfolgte, als ich wieder zuhause war mit Briefen und Telefonaten bombardierte und als ich nicht mehr reagierte mir schließlich Einschreiben schickte, in denen sie mich seitenweise beschimpfte und mir vorwarf, ich sei mit einem Panzer über ihre tiefsten Gefühle gefahren; sie gäbe mir aber noch eine Chance mich zu entschuldigen, und zwar persönlich. Heute kann ich darüber lächeln. Damals war die Frau so durchgeknallt (und Geld schien kein Problem für sie zu sein), ich rechnete fest damit, dass sie nach Erlangen kommen würde, um dann heulend und tobend vor meiner Studentenapartmenttür zu stehen. Machen Sie sowas mal einem kirchlichen Vermieter klar.

Die Tagebucheinträge und Briefe von A., meiner heutigen Exfrau, habe ich heute als einzige nicht angerührt, die lese ich vielleicht irgendwann, wenn ich wirklich nochmal denke, aus irgendeinem Grund nochmal nachvollziehen zu müssen, wieso sie so tickt wie sie tickt (und falls ich sie bis dahin noch nicht weggeworfen habe). Dafür z. B. einen Brief meines Bruders gefunden, da war ich nicht einmal ein Jahr mit ihr zusammen, und er versucht mich darin in vorsichtigen Worten zu erinnern, dass ich schon mal eigenständiger war. Meine Güte, alle haben es so früh gesehen, dass zwischen uns etwas schief lief, und ich habe es schlicht nicht ernst genommen. Nicht sehen wollen.

Das Foto eines verstorbenen Teamkollegen. Todesanzeigen meiner Großeltern. Geburtsanzeigen meiner Nichten und Neffen. Hochzeitskarten.
Eine Zeitkarte des Münchner Verkehrsverbunds von Ende 93, als ich mehrere Wochen lang das europäische Taizé-Treffen dort mithalf vorzubereiten. Ein Zuglaufplan des Intercitys zurück von Mailand nach Duisburg von meiner ersten Reise mit 16 ganz alleine nach Turin. Zettelchen mit Gebeten, eine Eintrittskarte vom Empire State Building vom 2. Dezember 2001, ein Zeitungsausschnitt mit Foto vom eigenen Abistreich.

Und dann viele, viele Karten und Briefe von Menschen aus Finnland, Polen, Belgien, Portugal, Italien, wasweißich, deren Namen mir nichts mehr sagen, selbst ihre Gesichter auf Fotos sind mir fremd. Hauptsächlich Mädchen, die ich offenbar zuhauf Anfang der Neunziger in Taizé kennengelernt hatte. Warum hatte ich damals eigentlich stets das Gefühl, im Bezug auf Frauen einsam zu sein?
Die Briefe meiner auch heute immer noch besten Freunde. Wie intensiv unser Austausch damals war. Auf der verbalen Ebene noch mehr als heute, wo wir uns auch ohne viel Worte verstehen. Wie intensiv die Zeit und die Gespräche mit Anfang 20 waren, als man noch miteinander auf der Suche nach seinem Platz in der Welt war. Und wieviele dieser Gedanken trotz 20 Jahren weniger Lebenserfahrung damals auch heute noch nicht fremd oder falsch sind.

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Abends waren wir dann noch im Ballett in Nürnberg (zum zweiten Mal Nussknacker, diesmal modern), und es brauchte heute fast nichts, damit mir Musik und Tänzer feuchte Augen bescherten.

[giardino, Montag, 30. Januar 2012, 01:35] 726