Dienstag, 15. Dezember 2009
Genug
Wie das so geht, wenn man sich in die Tasche lügt: Es brauchte gerade einmal zwei Mails und ein Gespräch innerhalb zweier Tage, um mein Geschwafel von der Gestaltungsfreiheit zu Staub zu mahlen und mir zu beweisen, dass sich am kaputten Fundament meines Projekts in den 20 Monaten seit ich dabei bin nicht das Geringste geändert hat, das heißt: auch nicht mehr ändern wird. Ich muss raus aus dem Job mit diesen Kooperationspartnern, raus aus dem Job unter diesem Management.

Gut, dass die Markteinführung (die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern) jetzt steht, das Produkt ist — Halleluja! — in seiner ersten Ausbaustufe bestellbar, auch wenn immer noch kein Vertrag mit den Kooperationspartnern geschlossen wurde. Die Zeit war also günstig, als mich jetzt der von mir abonnierte Neue-Jobs-Newsletter der Firma über eine für mein Profil fast ideale Stelle in einer benachbarten Geschäftseinheit benachrichtigte. Meine Bewerbung ging gestern raus, jetzt heißt es hoffen.

(Komisch, ich dachte, ich hätte diesen Text, der — ganz im Ernst — mein Leben verändert hat, längst schon einmal in meinem Blog verlinkt: Aimee Mann — Ich habe einen Traum. Lesen Sie bitte die letzten vier Absätze. Oberflächlich geht es darin ums Musikbusiness.)

[giardino, 21:07] Permalink (5 Kommentare) 629



Freitag, 13. November 2009
Brooklyn-Queens-Expressway
Ich war schon gespannt, was Sufjan Stevens Neues ausgebrütet hatte. Und ein wenig besorgt. Eine sinfonische Hymne an eine hässliche, dauerhaft überlastete New Yorker Stadtautobahn? Klang so, als könnte das gut werden, aber zugleich nach der Aussicht, dass er sich endgültig in der Art Orchester-Flötengewusel verlieren könnte, das von seinen Songs bislang immer in Schach gehalten wurde. Als ich vor einigen Tagen zuerst die CD einlegte, schien sich meine Befürchtung prompt zu bestätigen: Irgendwann ab der Hälfte, nach dem überraschenden Ausflug in die elektronischen Beats wurden die orchestralen Wiederholungen des harmonischen Grundmotivs unerbittlich, als stünde man im Traum auf dem Mittelstreifen einer Autobahn, wollte runter, aber der Verkehrstrom würde einfach nicht mehr abreißen.

Bild: asthmatic kitty records
Am nächsten Tag habe ich mir noch die DVD vorgenommen; mal sehen, was der Film zu bieten hätte. Und plötzlich ergab alles einen Sinn: Ein Panorama aus drei Filmen nebeneinander, Tausende von Super8- und Super16-Schnipseln von Gebäuden, Straßen und Fahrzeugen, gefilmt von Reuben Kleiner und Stevens selbst, der auch Regie führte, arrangiert als Triptychon, in Takt und Stimmung der Musik geschnitten. Oder vielmehr umgekehrt: als Takt- und Stimmungsgeber für die Musik, die als Soundtrack neben und hinter den Film tritt. Grandios, wie alles ruhig fließend anfängt, man diesen Superlativ von Stadt links und rechts des Expressways kennenlernt in diesem typischen New Yorker Licht, Häuser und Verkehr immer schneller vorbeiziehen, nach und nach alles mit immer stärkeren Zeitraffer- und Spiegeleffekten verschwimmt und sich schließlich in einem Gewitter von Lichtkegeln und Verkehrsströmen entlädt. Schräg bleiben nur die vermutlich irgendwie metaphorisch gemeinten, quietschbunten Hoola-Tänzerinnen übrig, die stark an die auch schon mit Buchstaben versehenen Cheerleader erinnern, die Stevens' Illinois-Tour begleiteten.

Was wollte ich noch sagen? Ach ja: Ich will nach New York.

(Auf Youtube gibt es momentan noch eine Playlist mit dem gesamten Werk. Ich empfehle aber das kombinierte CD+DVD-Album, schon weil der Film einen großen Bildschirm braucht; kostet auch nicht mehr als eine normale CD.)

[giardino, 20:54] Permalink (5 Kommentare) 1479