Mittwoch, 27. Juli 2011
Verletzlich, weil wir verletzlich sein wollen
In the safest, most boring country, the worst lone gunman shooting happens. The worst in the world, in history. But it will not make our country worse. The safe, boring democracy will supply him with a defense lawyer as is his right. He will not get more than 21 years in prison as is the maximum extent of the law. Our democracy does not allow for enough punishment to satisfy my need for revenge, as is its intention. We will not become worse, we will be better. We lived in a land where this is possible, even easy. And we will keep living in a land where this is possible, even easy. We are open, we are free and we are together. We are vulnerable by choice. And we will keep on like that, that’s how we want to live. We will not be worse because of the worst. We must be good because of the best.
Ein Norweger in einem Forum, via wirres.net.

Wunderbar auf den Punkt gebracht, wovon ich seit langem zutiefst überzeugt bin: dass nämlich Stärke und Souveränität nicht aus einer Kultur der Rache und Gewalt erwachsen, sondern gerade aus der bewussten Entscheidung dafür, gelassen und verletzlich zu bleiben. Das gilt für ganze Länder wie auch im Kleinen für jeden Einzelnen. Wenn es nicht so verdammt kalt und lange Zeit im Jahr dunkel wäre, ich würde in diesem Land leben wollen.

[giardino, 09:50] Permalink (5 Kommentare) 1752



Montag, 18. Juli 2011
glücklich
Es ging los am Freitagabend, als schon nicht wenige Gäste ankamen, um zu übernachten, darunter viel beiderseitige Familie aus Duisburg, aber auch mein Vokalensemble, und mein alter Freund aus Turin, den ich vor sechs Jahren das letzte mal sah und der jetzt, vorab per E-Mail instruiert, mit uns zusammen das wunderbare Osculetur Me probte, das ich mir zur Feier gewünscht hatte. Wir hatten eigentlich gar nichts geplant, die Leute sollten sich selbst verpflegen, die Möwe und ich würden schon mal den Saal herrichten, lediglich ein paar Nudeln, Pesto und Parmesan hatten wir besorgt, zum Beispiel um die beiden Italiener versorgen zu können, die nach 12 Stunden im Zug sicher hungrig sein würden. Doch dann standen wir stundenlang in der Saalküche, die ersten Flaschen Wein wurden geöffnet, der Raum schwirrte vor Italienisch, Englisch und Deutsch, jeder unterhielt sich mit jedem, während immer irgendwer einen Teller Spaghetti in den Händen hielt und für die nächsten Ankömmlinge neue auf dem Herd kochten. Ein wunderbarer Anfang.

Der Samstag begann mit strahlendem Wetter, dem besten seit Wochen und wohl auch der kommenden: frische Luft, nahezu Windstille und Sonnenschein, der uns bis zum Abend nicht mehr verlassen sollte. Gemeinsames Frühstück, restliche Vorbereitungen wurden erledigt, mehr und mehr Gäste trafen ein, schließlich machten wir uns hübsch und mit dem Vokalensemble testeten wir die Akustik in der Kirche, die nur 150 Meter die Straße runter lag. Um zwei Uhr begrüßten wir alle vor der Kirche, die bis zur letzten Minute noch angefahren kamen, zogen dann gemeinsam ein und verbrachten eine wunderbare Segensfeier, geleitet von einem befreundeten Priester, der eine schöne Predigt hielt; das Vokalensemble sang, und wir sangen die Lieder und hörten die Texte, mit teilweise feuchten Augen, weil alles so ineinander passte und für uns gemacht war.

Dann liefen wir alle zurück zum Festsaal, wo es Sektempfang gab, später Kaffee und Kuchen, die vielen Kinder organisierten sich schnell in kleinen Grüppchen, die dann den ganzen restlichen Tag und Abend spielten, tobten und tanzten, ohne irgendeinen Streit oder dass auch nur ein einziges unleidlich geworden wäre. Ein Wunder. Man saß im kühlen Saal oder draußen auf den Bierbänken, trank, mischte sich untereinander, unterhielt sich, manche machten zwischendurch auch einen kleinen Spaziergang in der Sonne, kamen wieder, wir aßen gemeinsam zu Abend, das Essen war ausgezeichnet (viel, viel besser, als man bei einem kirchlichen Tagungszentrum irgendwo auf dem Land erwartet hätte) und die Damen, die uns servierten, waren total freundlich und fragten immer wieder nach, ob wir noch dieses oder jenes brauchten.

Schließlich kam der DJ (mit einem Praktikanten, für den ich jugendschutz-/kinderarbeitsmäßig keine Hand ins Feuer gelegt hätte), baute auf, begann etwas holprig, wurde aber immer besser. Wir gaben ihm unseren Hochzeitswalzer (Hijo de la luna, zuhause am Rechner ein klitzekleines bisschen Richtung Tanzbarkeit verlangsamt, hat aber niemand gemerkt), alle standen um uns herum, wir drehten uns und drehten uns, ich im Anzug, sie in ihrem schönen Sommerkleid, und zum zweiten Mal seit dem Gottesdienst spürte ich, dass es bei dieser Feier tatsächlich um uns ging, dass sich alles buchstäblich um uns und unsere Liebe drehte, real war, spürbar und sichtbar, was wir immer nur zu zweit oder in kleinen Kreisen miteinander hatten, und wie sich alle über uns freuten, und wie wichtig es war, das zu feiern. Und nach diesem Tanz war plötzlich die Tanzfläche voll, bis zum Ende der Feier waren es stets 10-20 Menschen, die tanzten, uns immer wieder eingeschlossen, nur unterbrochen von kleineren oder größeren Pausen, in denen man draußen in der milden Luft saß, kühlen Rosé trank und redete und lachte.

Schließlich lief die Musik aus, die letzten Nicht-Übernachtungsgäste hatten sich verabschiedet, es wurde noch ein wenig aufgeräumt und tatsächlich waren die Möwe und ich die letzten, die noch auf waren, um den Saal zuzuschließen und im Dunkeln zum Haus zu gehen. Auf dem Zimmer noch ein bisschen geredet und schließlich eingeschlafen. Am Morgen dann nebeneinander aufgewacht und gemeinsam ein wenig vor Glück geweint. Das Wetter war über Nacht dunkel, bedeckt und nieselig geworden, und nach Frühstück und letztem Aufräumen wurden von Stunde zu Stunde mehr Gäste auf ihre teilweise langen Heimfahrten verabschiedet, zuletzt heute Vormittag mein Bruder mit Familie, der noch eine Nacht bei uns zuhause blieb, bis jetzt nur noch mein Freund aus Turin und seine Lebensgefährtin übrig sind, die gerade in der Küche mit der Möwe Abendessen machen, während ich hier mit einem Glas Rotwein sitze und denke, dass dieses Wochenende der Sache mit dem schönsten Tag des Lebens, diesem vormals mutmaßlichen, kitschigen Mythos aus Fernsehfilmen, schlussendlich verdammt nahe gekommen sein wird.

[giardino, 21:59] Permalink (21 Kommentare) 1778