... neuere Einträge
Donnerstag, 22. Dezember 2011
bergab / bergauf
Vor einer Woche Telefongespräch mit meinen Söhnen, die ich schon wieder seit einem knappen Monat nicht gesehen habe. Einerseits sehe ich sie zu selten, um gute Geschenkideen zu entwickeln, andererseits werden sie von der anderen Familie seit jeher ganzjährig mit Geschenken bombardiert; es wird daher immer schwieriger, überhaupt noch etwas zu finden, was sie noch nicht haben und ihnen Freude bereitet, ohne sich gleichzeitig in einen Überbietungswettbewerb zu begeben.
Ich frage sie also am Telefon, was sie sich wünschen. Erst der Große (14J): Er wünscht sich Geld, fürs Sparbuch. Nein, er hätte keine konkreten Wünsche. Ich sage ihm, dass ich kein Geld schenken will, erst recht nicht ohne irgendeinen klaren Zweck vor Augen, und dass ich es für etwas ganz und gar Unpersönliches halte. Er bleibt dabei. Okay, wenn kein Geld, dann eben ein Ipod Touch. Nein, sage ich, das wäre deutlich über dem Limit. Der gleiche Wunsch beim Kleinen (12J): Geld fürs Sparbuch. Als ich auch ihm sage, dass ich meinen Söhnen kein Geld schenken will, fügt er in einem unangenehmen Ich-will-nur-was-mir-zusteht-Ton hinzu, er wolle sich schließlich auch mal ein Touch-Handy leisten können. Ich sage klar, dass ich damit nicht einverstanden bin und dass sie sich einen konkreten Wunsch überlegen sollten und ich sie in der kommenden Woche nochmal frage.
Heute dann gefragt, beide weiterhin ohne konkreten Wunsch, nein, sie wollten nur Geld. Ich habe versucht den Kleinen daran zu erinnern, wie sehr er sich an seinem Geburtstag neulich über die Action-Kreisel von mir gefreut hat, versucht ihm zu vermitteln, dass Schenken etwas ist, was zwei Menschen miteinander verbindet, wie sehr auch ich mich über seine Freude gefreut habe, und dass das alles verloren geht, wenn man einen Geldschein schenkt, der zu vielen anderen Geldscheinen gelegt wird, von denen dann vielleicht mal irgendwas gekauft wird oder nicht. Alles vergeblich, beide bleiben dabei. Gesagt, dass ich das immer noch ablehne und darüber nachdenken werde, was wir aus der Situation machen (sie kommen wie immer am 2. Feiertag zu uns, und da gibt's Bescherung).
Ich werde es jetzt so machen: Sie bekommen beide einen Amazon-Gutschein (immerhin ein klitzekleines bisschen konkreter als Geld) und die klare Ansage, dass sie in der Zukunft kein Geschenk mehr bekommen, wenn sie sich nichts Konkretes wünschen. Dazu werde ich ihnen was über den Sinn von Geschenken erzählen. Darüber, dass ich mich ohnehin schon von Seiten ihrer Mutter Schritt für Schritt nur noch zum Geldzahler degradiert fühle. Werde sie fragen, ob sie sich von ihrer Mutter und deren Eltern auch nur Geld fürs Sparkonto gewünscht haben (garantiert nicht), und ob sie ihrer Mutter eigentlich ebenso wie mir nie die kleinste Aufmerksamkeit zum Geburtstag oder Weihnachten zukommen lassen (garantiert doch).
Und mir geht es mies dabei. Der Anruf vergangene Woche so wie auch der heute machen mich fertig. Ich bin unglaublich wütend, wie ich ohnmächtig zuschauen muss, wie meine Söhne inzwischen die gleiche materialistische Anspruchshaltung ohne Maß und Gespür für Andere entwickeln wie ihre Mutter, die diese »Geschenkidee« ohne Zweifel forciert hat und die sich vermutlich gerade tierisch freut, dass ich mich in einen Konflikt mit den Kindern begeben muss, aus dem ich nur entweder als Buh- oder als Hampelmann hervorgehen kann, wie sich über Geldsummen dann doch automatisch Vergleichbarkeit und Wettbewerb zwischen den Geschenken ihrer und meiner Familie herstellt und sie ihre Auffassung, ich und meine Familie seien geizig, subtil an die Kinder weitergeben und dabei auch noch behaupten kann, die Idee käme ja von den Söhnen. Und dass ich gezwungen bin, meine Haltung zu verlassen, nie ihnen gegenüber ein negatives Wort über ihre Mutter zu verlieren.
Richtig mies geht es mir mit diesem Konflikt. Würde mich nicht wundern, wenn sie daraufhin sogar den ganzen Weihnachtstag schmeißen. Und die Angst, die ich abgelegt glaubte, die Kinder könnten sich vielleicht doch von mir abwenden, sie lauert wieder hinter der Ecke und grinst. »Es kann gut sein, dass einer, vielleicht beide tatsächlich ein paar Jahre aus deinem Leben verschwinden«, sagte mir eine sehr gute Freundin neulich, »aber du kannst sicher sein, irgendwann werden sie wieder kommen.«
Ich habe mich schon zuweilen in Verdacht, Manches vielleicht über Gebühr zu dramatisieren. Aber man braucht trotzdem ganz schön Gottvertrauen, um das hinzunehmen.
(Würden Sie etwas anders machen, wären Sie an meiner Stelle?)
/
Vor knapp zwei Jahren stürmte ich zum ersten Mal ins Büro meines Chefchefs und rief, dass ich diesen Scheiß nicht mehr mitmachen wolle, also sinngemäß. (Übrigens sehr interessant, wenn ich das heute lese und feststellen muss, dass ich letzten Endes nur geschickt hingehalten wurde.) Ungefähr seit der gleichen Zeit habe ich mich auch immer mal wieder auf vielversprechende Stellen beworben, wie ihr wisst. Im Herbst 2010 wurde unsere Geschäftseinheit mit einer anderen verschmolzen, seitdem wurden nach und nach alle Marketingbereiche nach einem neuen Schema strukturiert, nur der unsrige blieb unberührt, was unter anderem auch hieß, dass ich Monat um Monat meine Energie weitgehend nutzlos in ein sich nie richtig entwickelndes Projekt stecken durfte.
Bis jetzt, denn anlässlich des Weggangs unseres indischen Chefchefs (den ich ansonsten auf der menschlichen Ebene sehr schätze) war klar, dass wir auch neu aufgestellt würden. Ich habe klar meinen Wunsch geäußert, zukünftig eine andere Produktgruppe betreuen zu dürfen. Und wurde erhört! Seit Montag weiß ich, dass ich als nahezu Einziger in der Abteilung mit der neuen Struktur auch komplett meine Aufgaben ändern werde. Endlich ein anständiges Produkt! Was verkauft wird. Mit dem Geld verdient wird. Von unserer Firma entwickelt und gefertigt. Keine externen Kooperationspartner, mit denen man zirkuläre Diskussionen ohne Resultate führen muss, keine internen Kollegen, denen man in jedem Gespräch neu erklären muss, warum das Projekt leider nach ganz anderen als allen gewohnten Vorgehensweisen funktioniert. Herrlich!
Ich freue mich riesig, das jetzt alles kennenlernen zu dürfen: die Prozesse, die Leute — zum Beispiel in der Fertigung in Madrid, wohin ich dann wohl öfter komme — der neue Anwendungsbereich, die Kunden, die Technik, alles. Endlich das ausleben kann, wofür ich vor mehr als dreieinhalb Jahren den Geschäftsbereich gewechselt habe. Was für eine Befreiung! Ein echtes Weihnachtsgeschenk.
Ich frage sie also am Telefon, was sie sich wünschen. Erst der Große (14J): Er wünscht sich Geld, fürs Sparbuch. Nein, er hätte keine konkreten Wünsche. Ich sage ihm, dass ich kein Geld schenken will, erst recht nicht ohne irgendeinen klaren Zweck vor Augen, und dass ich es für etwas ganz und gar Unpersönliches halte. Er bleibt dabei. Okay, wenn kein Geld, dann eben ein Ipod Touch. Nein, sage ich, das wäre deutlich über dem Limit. Der gleiche Wunsch beim Kleinen (12J): Geld fürs Sparbuch. Als ich auch ihm sage, dass ich meinen Söhnen kein Geld schenken will, fügt er in einem unangenehmen Ich-will-nur-was-mir-zusteht-Ton hinzu, er wolle sich schließlich auch mal ein Touch-Handy leisten können. Ich sage klar, dass ich damit nicht einverstanden bin und dass sie sich einen konkreten Wunsch überlegen sollten und ich sie in der kommenden Woche nochmal frage.
Heute dann gefragt, beide weiterhin ohne konkreten Wunsch, nein, sie wollten nur Geld. Ich habe versucht den Kleinen daran zu erinnern, wie sehr er sich an seinem Geburtstag neulich über die Action-Kreisel von mir gefreut hat, versucht ihm zu vermitteln, dass Schenken etwas ist, was zwei Menschen miteinander verbindet, wie sehr auch ich mich über seine Freude gefreut habe, und dass das alles verloren geht, wenn man einen Geldschein schenkt, der zu vielen anderen Geldscheinen gelegt wird, von denen dann vielleicht mal irgendwas gekauft wird oder nicht. Alles vergeblich, beide bleiben dabei. Gesagt, dass ich das immer noch ablehne und darüber nachdenken werde, was wir aus der Situation machen (sie kommen wie immer am 2. Feiertag zu uns, und da gibt's Bescherung).
Ich werde es jetzt so machen: Sie bekommen beide einen Amazon-Gutschein (immerhin ein klitzekleines bisschen konkreter als Geld) und die klare Ansage, dass sie in der Zukunft kein Geschenk mehr bekommen, wenn sie sich nichts Konkretes wünschen. Dazu werde ich ihnen was über den Sinn von Geschenken erzählen. Darüber, dass ich mich ohnehin schon von Seiten ihrer Mutter Schritt für Schritt nur noch zum Geldzahler degradiert fühle. Werde sie fragen, ob sie sich von ihrer Mutter und deren Eltern auch nur Geld fürs Sparkonto gewünscht haben (garantiert nicht), und ob sie ihrer Mutter eigentlich ebenso wie mir nie die kleinste Aufmerksamkeit zum Geburtstag oder Weihnachten zukommen lassen (garantiert doch).
Und mir geht es mies dabei. Der Anruf vergangene Woche so wie auch der heute machen mich fertig. Ich bin unglaublich wütend, wie ich ohnmächtig zuschauen muss, wie meine Söhne inzwischen die gleiche materialistische Anspruchshaltung ohne Maß und Gespür für Andere entwickeln wie ihre Mutter, die diese »Geschenkidee« ohne Zweifel forciert hat und die sich vermutlich gerade tierisch freut, dass ich mich in einen Konflikt mit den Kindern begeben muss, aus dem ich nur entweder als Buh- oder als Hampelmann hervorgehen kann, wie sich über Geldsummen dann doch automatisch Vergleichbarkeit und Wettbewerb zwischen den Geschenken ihrer und meiner Familie herstellt und sie ihre Auffassung, ich und meine Familie seien geizig, subtil an die Kinder weitergeben und dabei auch noch behaupten kann, die Idee käme ja von den Söhnen. Und dass ich gezwungen bin, meine Haltung zu verlassen, nie ihnen gegenüber ein negatives Wort über ihre Mutter zu verlieren.
Richtig mies geht es mir mit diesem Konflikt. Würde mich nicht wundern, wenn sie daraufhin sogar den ganzen Weihnachtstag schmeißen. Und die Angst, die ich abgelegt glaubte, die Kinder könnten sich vielleicht doch von mir abwenden, sie lauert wieder hinter der Ecke und grinst. »Es kann gut sein, dass einer, vielleicht beide tatsächlich ein paar Jahre aus deinem Leben verschwinden«, sagte mir eine sehr gute Freundin neulich, »aber du kannst sicher sein, irgendwann werden sie wieder kommen.«
Ich habe mich schon zuweilen in Verdacht, Manches vielleicht über Gebühr zu dramatisieren. Aber man braucht trotzdem ganz schön Gottvertrauen, um das hinzunehmen.
(Würden Sie etwas anders machen, wären Sie an meiner Stelle?)
/
Vor knapp zwei Jahren stürmte ich zum ersten Mal ins Büro meines Chefchefs und rief, dass ich diesen Scheiß nicht mehr mitmachen wolle, also sinngemäß. (Übrigens sehr interessant, wenn ich das heute lese und feststellen muss, dass ich letzten Endes nur geschickt hingehalten wurde.) Ungefähr seit der gleichen Zeit habe ich mich auch immer mal wieder auf vielversprechende Stellen beworben, wie ihr wisst. Im Herbst 2010 wurde unsere Geschäftseinheit mit einer anderen verschmolzen, seitdem wurden nach und nach alle Marketingbereiche nach einem neuen Schema strukturiert, nur der unsrige blieb unberührt, was unter anderem auch hieß, dass ich Monat um Monat meine Energie weitgehend nutzlos in ein sich nie richtig entwickelndes Projekt stecken durfte.
Bis jetzt, denn anlässlich des Weggangs unseres indischen Chefchefs (den ich ansonsten auf der menschlichen Ebene sehr schätze) war klar, dass wir auch neu aufgestellt würden. Ich habe klar meinen Wunsch geäußert, zukünftig eine andere Produktgruppe betreuen zu dürfen. Und wurde erhört! Seit Montag weiß ich, dass ich als nahezu Einziger in der Abteilung mit der neuen Struktur auch komplett meine Aufgaben ändern werde. Endlich ein anständiges Produkt! Was verkauft wird. Mit dem Geld verdient wird. Von unserer Firma entwickelt und gefertigt. Keine externen Kooperationspartner, mit denen man zirkuläre Diskussionen ohne Resultate führen muss, keine internen Kollegen, denen man in jedem Gespräch neu erklären muss, warum das Projekt leider nach ganz anderen als allen gewohnten Vorgehensweisen funktioniert. Herrlich!
Ich freue mich riesig, das jetzt alles kennenlernen zu dürfen: die Prozesse, die Leute — zum Beispiel in der Fertigung in Madrid, wohin ich dann wohl öfter komme — der neue Anwendungsbereich, die Kunden, die Technik, alles. Endlich das ausleben kann, wofür ich vor mehr als dreieinhalb Jahren den Geschäftsbereich gewechselt habe. Was für eine Befreiung! Ein echtes Weihnachtsgeschenk.
[giardino, 22:09] Permalink (17 Kommentare) 874
Donnerstag, 1. Dezember 2011
[Bitte stellen Sie sich hier das Bild eines Tennisspielers vor einer außer Kontrolle geratenen Ballmaschine vor.]
[giardino, 10:06] Permalink (4 Kommentare) 833
... ältere Einträge

