Dienstag, 19. Februar 2008
Gute Nachrichten
... müssen auch mal sein, wo ich im Moment positiv gestimmt bin:
Auf die Frage, ob mit den Eltern sowohl türkisch als auch deutsch gesprochen werde, antworteten vor drei Jahren erst 55,7 Prozent mit Ja. 2007 waren es 62,4 Prozent. Gaben 2005 rund 57 Prozent an, neben türkischen auch deutsche Freunde haben zu wollen, waren es zwei Jahre später bereits 62,9 Prozent. Gleichzeitig sank im genannten Zeitraum die von den Befragten wahrgenommene Benachteiligung durch Deutsche im Alltag von 25,3 auf 21,1 Prozent. [q]
Irgendwie deckt es sich mit meiner Wahrnehmung, dass U-Bahn-Schlägereien und den anschließenden, schrillen Diskussionen zum Trotz seit Jahren zumindest im städtischen Umfeld eine stille Normalisierung stattfindet; die Selbstverständlichkeit zunimmt, mit der jugendliche Migranten auftreten, sich in Schul- und Berufsausbildung einfügen und generell als zu Deutschland gehörig fühlen. Was die andere Seite der Integrationsmedaille angeht, bin ich mir noch nicht so sicher, ob sich da gerade nur der, wie soll man sagen, »geographische Fokus« verschiebt, weg von Türkisch-, zum Beispiel hin zu Russisch- oder Afrikanischstämmigen, die von einer gefühlten Mehrheit als problematisch betrachtet würden, oder ob auch hier die generelle Akzeptanz, oder sollte man sagen: Normalität im Umgang steigt. Wünschen würde ich es mir.

Übrigens gibt es kaum ein Thema, das derart polarisiert. Ich selbst kann ja gar nicht anders, als immer alle möglichen Seiten sehen zu wollen. Dass Integration an vielen Stellen scheitert, ist Tatsache. Hier aber das Wirkgefüge (tolles Wort, wollte ich immer schon mal verwenden) zur Bestimmung des Schuldigen aufzutrennen, ist in meinen Augen sinnlos. Diskriminierende Behandlung seitens Behörden und Nicht-Migranten (wie sie trotz aller Fortschritte alltäglich ist) macht Integration schwer bis zunichte, ethnische Abschottung aber auch. Und beides verstärkt und bedingt sich gegenseitig. Henne oder Ei — wer da die Verantwortung stets auf einer der beiden Seiten sucht, wird zwar täglich in seiner Überzeugung bestätigt, aber nie ein vollständiges Konzept zur Integration entwickeln.

Leider fühle ich mich mit meinem sozusagen dritten Standpunkt in einer Minderheit. Was mich insofern beunruhigt, als dass die Protagonisten beider Lager sich merkwürdigerweise regelmäßig genauso als Minderheit betrachten und davon überzeugt sind, gegen eine blinde (im jeweiligen Fall wahlweise medienmäßig links oder dummvölkisch rechts beeinflusste) Übermacht zu kämpfen. Hm.

Aber ich wollte doch nicht problematisieren, sondern gute Nachrichten verkünden:
Der Freiburger Erzbischof und neugewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, spricht sich "gegen Denkverbote" beim Thema Zölibat aus. Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt der 69-Jährige, die Verbindung zwischen Priestertum und Ehelosigkeit sei "nicht theologisch notwendig". [q]
Nicht, dass ich auch nur einen Cent darauf wetten würde, in den nächsten fünfzig Jahren irgendeinen praktischen Fortschritt zu sehen. Aber: Sie bewegt sich. Doch.

[giardino, 00:40] Permalink (6 Kommentare) 312



Was ich am Wort Internettagebuch wiederum mag, sind die darin versteckten Internet-Tage. Viele meiner Tage sind Internettage.

[giardino, 00:30] Permalink (3 Kommentare) 244



Montag, 18. Februar 2008
Umbrüche und wie es weiterging
Bei mir selbst lief es wie erwartet. Beim Mittagessen erzählte ich meinem Teamleiter vom Wechsel, und sowohl er als auch alle anderen Kollegen, mit denen ich darüber seitdem sprach, bedauerten zwar meinen Schritt, äußerten aber zugleich Verständnis oder fanden ihn sogar gut (also für mich). Das weitere werden jetzt eher meine Chefs regeln als ich. Wenn es nach mir ginge, würde ich ja bis Mitte März noch im jetzigen Team arbeiten und meine Aufgaben dort abschließen, hätte dann meine zwei Wochen Resturlaub von letztem Jahr um Ostern herum und startete Anfang April frisch in die neue Aufgabe...

Weitaus umwerfender aber waren die Ereignisse am Freitag für meine Möwe. Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Ich hatte ja nur angedeutet, dass sie versucht, sich wegzubewerben. Seit Jahren übrigens, was aber angesichts der Arbeitsmarktlage in ihrem Beruf mehr als schwer ist. Besonders, wenn man qualifiziert ist, was zwar alle großartig finden, aber kaum noch jemand angemessen, sprich nach Tarif zu bezahlen bereit ist.

Im letzten Sommer stellten die Möwe und eine sehr fähige Kollegin nach Jahren fest, dass sie beide gleichermaßen unter dem nur äußerlich freundlichen, letzlich aber unnachgiebig-autoritären Führungsstil ihrer Chefin leiden, körperlich und seelisch. Fortan tauschten sie sich aus und begannen, manche Zumutungen nicht mehr widerspruchslos hinzunehmen. Irgendwann im Herbst begann die Möwe zudem auf eigene Faust mit einer mehrjährigen Weiterbildung, die auch ihr fachliches Selbstbewusstsein nochmal stärkte. Entscheidungen trafen beide nun immer öfter in eigener Verantwortung und oft genug auch gegen die Vorstellungen der Chefin. Viel runtergeschluckter Ärger aus den letzten Jahren kam an die Oberfläche und immer öfter stellten sie fest, dass sie in mancher Hinsicht manipuliert oder sogar belogen worden waren.

Die Kollegin der Möwe fand nun im Januar tatsächlich eine neue Stelle. Bei der Kündigung schüttete sie dem Geschäftsführer ihr Herz aus, der erst seit einigen Monaten dabei ist. Er war erschüttert über das Ausmaß der Probleme im Team und rückte nun damit raus, dass er schon aufgrund der ungeheuren Fluktuation von Mitarbeitern sowie anderen, finanziellen Gründen längst plane, mit Unterstützung des Vorstands die jetzige Chefin abzusä an eine andere Stelle zu loben, was nach mehreren Dienstjahrzehnten nicht einfach würde. Und er rief meine Möwe an und bat sie dringend, nicht auch noch zu gehen, sondern noch ein paar Monate auszuharren. Nun, letzten Dienstag auf einer Teamsitzung trat dann alles offen zutage; eigentlich alle Teammitglieder legten dar, wie sie in praktischen, aber vor allem persönlichen Dingen unter der Arbeit der Chefin litten, und sie musste zusehen, wie ihre Einschüchterungs- und Umdeutungsstrategien verpufften, in Anwesenheit des Geschäftsführers. Ende vom Lied war, dass sie jetzt nur noch unter enger Kontrolle von oben weitermachen darf. Wie lange sie das durchhalten würde, war aber nicht abzusehen.

Doch schon am Freitag hat sie angekündigt, Ende April eine neue Aufgabe anzunehmen und das Team zu verlassen. Ein zentnerschwerer Brocken fiel mir vom Herzen (der Möwe erst!). Doch nicht nur das, die Möwe wird, wenn nicht alles verquer läuft, nach Wunsch des Geschäftsführers die neue Leitung übernehmen. Ist das nicht großartig?

Spannend jetzt, zurückzublicken und diese Entwicklung im Nachhinein nochmal zu verfolgen. Der Wende- und Knackpunkt bei all dem war wohl, sich aus der Ohnmacht und Aussichtslosigkeit heraus wieder in eine selbstbestimmte Position zu bringen und handlungsfähig zu werden. Das, eine Verbündete und etwas Druck von außen können schon reichen, um in Jahrzehnten festgefahrene, ungute Verhältnisse am Ende zum Einsturz zu bringen. Ich finde das faszinierend.

[giardino, 00:51] Permalink (13 Kommentare) 3599



Abendspaziergang

Nur wenige Meter weiter habe ich mal gewohnt, als Student in einer 4er-WG. Wir hatten einen verwilderten Garten hin zum Fluss, vielleicht fünf Meter breit bloß und fünfzehn lang, mit kleinem Steg und dieser Aussicht.

[giardino, 23:56] Permalink (5 Kommentare) 287